Amateur-Pornografie: 50'000 Dollar für die Tilgung einer Sünde
Aktualisiert

Amateur-Pornografie50'000 Dollar für die Tilgung einer Sünde

Vor Jahren spielte Nina in einem Porno mit. Seither stand das Video einem Neuanfang stets im Weg. Der Produzent weigert sich, es vom Netz zu nehmen.

von
Ronny Nicolussi
«Niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben», erzählt Reality-Porno-Darstellerin Nina.

«Niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben», erzählt Reality-Porno-Darstellerin Nina.

Nina* ist 25 Jahre alt. Sie arbeitet im Milieu, würde aber gerne aussteigen. Das gehe aber nicht, sagt Nina, nicht solange es im Internet diesen Film gebe. Ein Film, für dessen Nichtexistenz sie Geld bezahlen würde, viel Geld. Produziert wurde er von Christian Gerig. Der 37-jährige Urner geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil in einem seiner Filme ein mutmassliches Opfer des Zürcher Zuhälter-Prozesses zu sehen war.

Als Nina auf 20 Minuten Online einen Bericht zum Thema las, lief es ihr kalt den Rücken herunter. Sie ist überzeugt: «So wie mir geht es vielen Frauen, die in diesen Filmen mitgespielt haben.» Jedes Mal, wenn die Website ins Gespräch komme, auf der Gerig seine Videos anbiete, müssten sie Angst haben, von Leuten erkannt zu werden, die von den Videos noch nichts wussten.

Dabei fing alles in einem sehr kleinen Rahmen an. Nina meldete sich vor fünf Jahren bei Gerig auf ein Inserat im «Baslerstab». Nach einem Treffen in Basel vereinbarten sie einen Drehtermin. Als Drehort schlug Nina einen Reitstall vor, von dem aus sie damals Pferde ausritt. «Ich habe es wegen des Geldes gemacht und dachte, es wäre eine tolle Lebenserfahrung», resümiert sie heute. Bereits vor dem Film machte Nina erotische Massagen. «Ich fand das nicht so schlimm. Mein Freund wusste davon und akzeptierte das.» Vom Film erzählte sie ihrem Freund indessen nichts.

Nach fünf Jahren immer noch online

Gerig zahlte ihr für den Dreh wie vereinbart 2000 Franken. Eine Vertragskopie habe sie hingegen nicht erhalten, erzählt Nina: «Er sagte mir, er würde jede Woche einen neuen Film drehen. Dadurch rutsche mein Film immer weiter nach hinten, bis er schliesslich nach rund zwei Jahren nicht mehr im Netz sein werde.» Nach fünf Jahren kann der Film jedoch weiterhin heruntergeladen werden.

In den ersten Monaten nach dem Dreh blieb für Nina alles wie immer. Sie war unter den ersten, die für Gerigs Pornobus-Projekt vor der Linse standen. Damals kannte die einschlägige Webseite, auf denen die Filme publiziert wurden, noch niemand. Dann griff der «Blick» die Geschichte auf und titelte: «Mein Hobby: Pornostar.» Auf einer Doppelseite wurde Gerigs Projekt vorgestellt – mit Konsequenzen für die Darstellerinnen und Darsteller, die daraufhin von einer breiten Öffentlichkeit beim Sex im Bus erkannt wurden. Eine 19-Jährige aus einem kleinen Dorf im Aargau musste wegen der ungewollten Publizität psychologisch betreut werden. Dennoch weigerte sich Gerig, den Film von seiner Seite zu nehmen.

Nina traf es ebenfalls schwer. «Infolge des Berichts wollte niemand mehr etwas mit mir zu tun haben.» Für die damals 20-Jährige brach eine Welt zusammen. «Ich habe Christian angerufen und ihm angeboten, die 2000 Franken zurückzuzahlen, wenn er den Film vom Netz nimmt. Er sagte jedoch, er brauche dafür 50'000 Dollar», erzählt die heute 25-Jährige.

Absturz in die Prostitution

Da auch ihr Freund sie aufgrund des Films verliess und sie mittlerweile einen gewissen Ruf genoss, fand Nina schliesslich, jetzt könne sie gleich alles anbieten. Sie stürzte sich in die Prostitution und begann auch im Ausland professionell Pornofilme zu drehen. Sie hoffte, dass Gerigs Film nach zwei Jahren aus dem Netz verschwinden würde und sie dann wieder ein normales Leben führen könnte. Doch das stellte sich als Trugschluss heraus. Vor einem Jahr versuchte sie den Produzenten erneut dazu zu bewegen, den Film vom Netz zu nehmen. Ohne Erfolg.

Gerig sagt auf Anfrage von 20 Minuten Online, er habe niemals jemandem gesagt, ein Film werde aus dem Internet verschwinden. Im Gegenteil: «Ich habe allen immer offengelegt, dass sie, wenn sie einmal im Internet sind, bis an ihr Lebensende im Netz sein werden und dass auch ihre Grossmütter das sehen könnten.» Die Darstellerinnen hätten dann immer gefunden, sie seien volljährig und machten, was sie wollten. Probleme gab es stets erst im Nachhinein. Mit Verträgen habe es indessen nie Probleme gegeben. Viele Darsteller hätten gar keinen Vertrag gewollt. «Nina haben wir aber im Nachhinein bestimmt einen Vertrag zugeschickt», ist Gerig überzeugt.

Dass für gewisse Menschen durch die Videos eine Welt zusammengebrochen ist, kann der Urner nicht verstehen: «Die Frauen sind 18, geimpft, entwurmt. Wenn man ins Sexbusiness einsteigen will, braucht man eine dicke Haut.» Die Filme vom Netz zu nehmen sei daher für ihn kein Thema, schliesslich sei das Teil seines Geschäfts. Ausserdem gebe es bereits auf Tausenden von Tauschbörsen Kopien der Filme. «Auch wenn ich einen Film von meiner Seite nehme, ist er im Internet weiterhin zu finden», so der Pornoproduzent.

Geldgeber forderten Entschädigung

Der 37-Jährige gibt zu, dass er für die Tilgung von Ninas Film 50'000 Dollar verlangte. Mit Erpressung habe das aber nichts zu tun: «Die Geldgeber, die an meiner Firma beteiligt waren, rechneten damit, dass der Film in den nächsten zehn Jahren weltweit diesen Betrag einspielen würde und wollten dementsprechend entschädigt werden.» Seit rund drei Jahren – seit auf Gerigs Seite keine neuen Filme mehr dazugekommen sind – gehört die Firma ihm alleine. Er könne der Frau deshalb nun entgegenkommen, verspricht Gerig 20 Minuten Online: «Wenn sie mir 5500 Franken bezahlt, nehme ich den Film von meiner Seite.» Der Betrag entspreche den Investitionskosten des Films.

* Name geändert

Der Urner Pornoproduzent

Reality-Pornos in einem Bus zu drehen. Für die Finanzierung des Projekts gewann er ausländische Investoren.

ein Tubeli-Business. Da kriegen Sie graue Haare», sagt er heute zur Begründung für seinen Ausstieg. Die Videos werden derweil weiter für zwölf Franken zum Herunterladen angeboten.

finanziell unabhängig und könne von seinem Vermögen leben.

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