Milliardenkosten: 50'000 Hausfrauen haben ein Studium gemacht
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Milliardenkosten50'000 Hausfrauen haben ein Studium gemacht

Nicht jede Akademikerin will Karriere machen: In der Schweiz gibt es 50'000 Hausfrauen, die studiert haben. Das kostet Kantone und Bund über 5,5 Milliarden Franken.

von
Désirée Pomper

Nach der Matur stürzt sich Annina mit vollem Elan in ihr Studium. Sie entscheidet sich für das Studium der Politikwissenschaften, das sie nach fünf Jahren mit Bravour abschliesst. Vier Jahre arbeitet die junge Frau beim Bund. Dann wird sie schwanger. Für Annina ist klar: Sie will ganz für ihr Kind da sein. Fremdbetreuung ist ihr ein Gräuel und ausserdem auch ziemlich teuer. Also kündigt sie ihre Stelle und entscheidet sich für das Hausfrauendasein.

Das Beispiel der studierten Hausfrau Annina ist fiktiv. Aber kein Einzelfall. 2013 gab es in der Schweiz 50'000 Hausfrauen, die an einer Hochschule studiert oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. 2011 waren es gar 58'000. 2003 waren es noch 32'000. Während die Anzahl studierter Hausfrauen in den letzten zehn Jahren angestiegen ist, sank die Anzahl aller Hausfrauen in der Schweiz von 317'000 auf 226'000. Das zeigen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik BFS (siehe Grafik).

Finanziert wird ein Hochschulstudium von den Kantonen und vom Bund. Im Durchschnitt liegt der Preis für ein Studium an Universitäten oder Fachhochschulen im Durchschnitt bei 23'000 Franken pro Studienjahr. Ein fünfjähriges Studium kostet folglich im Schnitt 115'000 Franken. Der Aufwand für diese Studierenden wird von Bund, Kantonen und Privaten getragen. Das zeigt eine Berechnung der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell basierend auf Zahlen des BFS.

Das heisst: Es wurden rund 5,75 Milliarden Franken in die Hochschulausbildung von Frauen investiert, die momentan nicht erwerbstätig sind. Welches Fach diese Frauen studiert haben, wurde nicht untersucht. Man weiss aber, dass auf Masterstufe Frauen gerade in den Fachbereichen Sprachen- und Literaturwissenschaften (75,6%) wie auch Sozialwissenschaften (74,6%) und Geisteswissenschaften (65,6%) überdurchschnittlich stark vertreten sind. An der Pädagogischen Hochschule waren 2010 82% der neuen Studenten Frauen.

«Investitionen nützen der Wirtschaft nichts»

Doch warum entscheiden sich topausgebildete Frauen dafür, ihren Job an den Nagel zu hängen? Was für Folgen hat diese Entwicklung, und welche Massnahmen könnten ergriffen werden? Rudolf Minsch, Chefökonom der Economiesuisse, spricht von einem «miserablen Return of Investment»: «Es werden Milliarden in die Ausbildung von Frauen investiert, die schlussendlich der Wirtschaft nichts nützen.»

Auch wenn sie nach einem Unterbruch wieder ins Berufsleben einstiegen, sinke ihre Produktivität: «Wenn gut ausgebildete Frauen nach mehrjähriger Pause wieder in ihren Beruf einsteigen wollen, müssen sie oft eine Stelle annehmen, die ihrer ursprünglichen Qualifikation gar nicht mehr entspricht.» Diese sogenannte Humankapital-Erosion sei zum Beispiel bei Kaderfrauen oder Informatikerinnen gut feststellbar. Das wiederum schlage sich in tieferen Steuereinnahmen für den Staat nieder.

Ein Grund für diese Entwicklung ist laut Minsch das perverse Anreizsystem: «Es kann vorkommen, dass wenn eine Frau mehr arbeitet, das Netto-Familieneinkommen insgesamt sinkt. Denn mit dem Einkommen steigen auch die Steuern- und Krippenabgaben.» Dabei sollte doch, wer mehr arbeite, auch mehr verdienen.

Wer studieren will, soll zahlen

«Das brachliegende Potenzial in der Wirtschaft sollte genutzt werden», findet auch Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Es werde Geld von der Allgemeinheit investiert, das aber nie mehr der Allgemeinheit zu Gute komme.

Seiner Meinung nach würde ein kostenpflichtiges Studium die Selbstverantwortung erhöhen: «Wenn ein Studium fast gratis ist, dann tut es auch nicht weh, nach vier Jahren im Berufsleben den Job an den Nagel zu hängen. Muss man dagegen zahlen, dann überlegt sich eine Frau zweimal, ob sie ihren Job - in den sie auch finanziell viel investiert hat - aufgeben und Hausfrau werden will.» Deshalb fordert Weigelt eine nachlaufende Studiengebühr, wonach Studenten nach Abschluss oder Abbruch des Studiums ihre Studiengebühren zurückzahlen müssten.

Tiefere Krippenkosten für Karrierefrauen

«Mit diesen gut ausgebildeten Frauen, die aufhören zu arbeiten, verliert die Schweiz hochqualifizierte Arbeitskräfte», sagt Christina Felfe, Assistenzprofessorin an der HSG mit Fachgebiet Bildungsökonomie. Das ungenützte Potenzial an Müttern sei ein grosses Problem. «Frauen in der Schweiz bleiben unabhängig von ihrem Ausbildungsstandard zu Hause, sobald sie ein Kind bekommen.»

Grund dafür seien die horrenden Krippenkosten. Gutverdiener profitieren nicht von Subventionen. 2500 Franken kostet ein Platz pro Monat. «Vor allem für Frauen mit einem hohen Einkommen lohnt sich arbeiten gar nicht mehr.» Felfe ist überzeugt: «Dem Staat würde mit der Krippensubventionierung langfristig weniger Geld verloren gehen, als wenn er die klugen Hausfrauen am Herd lässt.»

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