Bundesgericht: Brustkrebs-Gefährdete bekommt Mastektomie bezahlt

Aktualisiert

Bundesgericht50-prozentiges Krebs-Risiko – Frau muss Brustentfernung selber bezahlen

Eine Frau aus dem Kanton Basel-Stadt hat vor dem Sozialversicherungsgericht eine Kompensation für eine beidseitige Mastektomie erstritten. Das Bundesgericht hat den Entscheid gekippt.

von
Steve Last
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Auf Anraten zweier Ärzte entschied sich eine hochgradig krebsgefährdete Frau, sich ihre Brüste entfernen zu lassen.

Auf Anraten zweier Ärzte entschied sich eine hochgradig krebsgefährdete Frau, sich ihre Brüste entfernen zu lassen.

AFP/Sebastien Nogier (Symbolbild)
Die Versicherung ging davon aus, dass sie den Eingriff nicht bezahlen darf. Die Frau klagte vor dem Basler Sozialversicherungsgericht dagegen und gewann.

Die Versicherung ging davon aus, dass sie den Eingriff nicht bezahlen darf. Die Frau klagte vor dem Basler Sozialversicherungsgericht dagegen und gewann.

20min/Steve Last
Das Bundesgericht kippte das kürzlich publizierte Urteil im Oktober 2022.

Das Bundesgericht kippte das kürzlich publizierte Urteil im Oktober 2022.

Tamedia/Raphael Moser

Darum gehts

  • Die Krankenkasse muss die Brustentfernung einer Frau nicht bezahlen, wie das Bundesgericht entschieden hat.

  • Zum Rechtsstreit war es gekommen, weil die seltene Genmutation, die die Frau einem hohen Krebsrisiko aussetzt, nicht auf einer für die Versicherung verbindlichen Liste steht.

  • Darum wehrte sich die Krankenkasse bis vor die höchste Instanz und gewann.

Ihr Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, lag bei 50 Prozent. Ihre Schwester leidet an einer «besonders bösartigen Form». Ihre Tante und Grossmutter sind der Krankheit bereits erlegen. Die vier Frauen wurden alle mit dem gleichen Gendefekt geboren, der die Selbstreparatur ihres Erbguts einschränkt. Darum liess sich die Frau aus dem Kanton Basel-Stadt, Mitte 50, vorsorglich beide Brüste entfernen.

Ihre Krankenkasse weigerte sich aber, den Eingriff zu bezahlen. Nicht etwa, weil Krankenkassen diese Art von Eingriff nicht finanzieren, sondern weil bei der Patientin die falschen Gene mutiert sind. Hätte sie eine Mutation, die auf der Liste steht, wäre alles kein Problem gewesen. Die Liste ist für die Versicherung verbindlich.

Jährliche Screenings erspart

Die Frau klagte dagegen und der Fall landete im Oktober 2022 vor dem Bundesgericht. Dieses kippte das Urteil des Sozialversicherungsgerichts Basel-Stadt (SVG), das der Frau zuvor recht gegeben hatte. Das SVG hatte die Position der Krankenkasse anerkannt, erachtete den Eingriff aber aufgrund von vorliegendem medizinischen Wissen als sinnvoll, wie aus einem kürzlich publizierten Urteil hervorgeht.

Zudem erwartete das SVG, dass die vorliegende Mutation wegen der Erkenntnisse bald in die Liste aufgenommen wird. Hätte sie den Eingriff also zu einem späteren Zeitpunkt vornehmen lassen, wäre er von der Krankenkasse bezahlt worden. Damit bleiben der Frau auch jährliche Screenings erspart.

Bundesrecht verletzt

Das Bundesgericht befand, dass kantonale Gericht habe Bundesrecht verletzt. Es habe die gesetzlichen Grundlagen zwar korrekt widergegeben, der Schluss sei aber nicht zulässig. Im Gegensatz zum SVG schloss die höchste Instanz, dass es in Studien zur Genmutation, die die Frau hat, keine Empfehlung zur Brustentfernung gibt. Auch sei der Nutzen der Operation nicht belegt. Dass die Mutation nicht auf der Liste stehe und die Krankenkasse die Kosten nicht übernehme, folge einer «differenzierten Abwägung».

Ungewissheit bei Betroffenen

«Das ist für die direkt Betroffenen und ihre Angehörigen sehr belastend. Uns sind mehrere solche Fälle bekannt», sagt Stefanie De Borba, Sprecherin der Krebsliga Schweiz. Natürlich müsse sich die Versicherung an das Gesetz halten, dieses hinke aber hinterher. «Wir setzen uns mit den medizinischen Fachgesellschaften dafür ein, solche Lücken aufzudecken und zu schliessen, aber das ist ein langwieriger Prozess», so De Borba.

Sie fühlt mit der Baslerin, die erst vor Bundesgericht definitiv verlor: «Das Verfahren kostet Zeit und Energie. Nicht alle Betroffenen können das aufbieten», sagt De Borba. Und bis zu einem Entscheid müssten sie mit der Ungewissheit leben, der Furcht vor dem eigenen Körper, der Angst um ihre Angehörigen. «Wenn Ärztinnen und Ärzte den Eingriff empfehlen, sollten die Betroffenen künftig keinen solchen Kampf für die Kostenübernahme führen müssen», hofft De Borba.

Korrigendum: In der vorigen Version des Artikels stand, dass das Bundesgericht den Entscheid des Sozialversicherungsgerichts gestützt und die Krankenkasse den Eingriff bezahlen musste. Das ist nicht richtig. Das Bundesgericht hat den Entscheid des SVG aufgehoben und die Sache zurück nach Basel zur Kostenverteilung verwiesen. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

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