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Beruf vs. Berufung50-Stunden-Woche statt Flohnerleben bei Lehrern

Lehrer sagen oft, sie hätten «trotz allem den schönsten Beruf der Welt». Was heisst das genau: «Trotz allem»? Wir haben nachgefragt.

von
mec
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Eltern haben immer eine lustige Anekdote parat, die von ihren Sprösslingen handelt. Lehrer haben beruflich mit zehn Mal so vielen Kindern zu tun wie durchschnittliche Eltern und einiges zu erzählen. Alle Namen sind der Redaktion bekannt.

Eltern haben immer eine lustige Anekdote parat, die von ihren Sprösslingen handelt. Lehrer haben beruflich mit zehn Mal so vielen Kindern zu tun wie durchschnittliche Eltern und einiges zu erzählen. Alle Namen sind der Redaktion bekannt.

Keystone/Gaetan Bally
Beleidigung? Offenbarung? Oder gar ein Kompliment?

Beleidigung? Offenbarung? Oder gar ein Kompliment?

Der Fall wurde nie öffentlich, die Schüler sind zum Glück wieder gefunden worden.

Der Fall wurde nie öffentlich, die Schüler sind zum Glück wieder gefunden worden.

Die Lehrpersonen, die sich auf unseren Aufruf gemeldet haben, sind Berufene und plaudern hier anonym aus der Schule: Sie hören immer wieder, dass sie einen Traumberuf hätten, in dem sie täglich ein paar Stunden pro Tag Kinder bespassen müssen und dafür dreizehn Wochen Ferien bekommen. Dem widersprechen ausnahmslos alle Berufsleute, die sich bei uns gemeldet haben. Hier ein paar weniger bekannte Fakten aus dem Berufsalltag:

Längste Probezeit: Nach Abschluss der Ausbildung hat man den Status des Lehrbeauftragten für ein Jahr. Man ist ähnlich wie ein Saisonnier für ein halbes Jahr angestellt, bei Zufriedenheit wird der Lehrbeauftragte für ein weiteres Semester verpflichtet. Kein anderer Beruf kennt eine so lange Probezeit.

Lohnunsicherheit: Klassengrössen und Pensen wechseln jedes Jahr. Auch erfahrene, gut bezahlte Lehrer müssen vor jedem neuen Schuljahr bibbern, dass ihnen nicht von der Schulleitung das Pensum gekürzt wird.

Tatsächliche Arbeitszeit: Würde die gesamte Jahres-Arbeitszeit auf die 227 Arbeitstage pro Jahr herabgebrochen, würden Lehrer im Schnitt 9,1 Stunden pro Tag arbeiten – bei fünf Wochen Ferien. Wer hat heute noch eine 45-Stunden-Woche? Wochenenden sind auch nicht heilig: Im Schnitt arbeiten Lehrer am Samstag 2,2, am Sonntag 1,8 Stunden.

Ein Primarlehrer aus dem Aargau über sein Pensum: «Ich arbeite bis zu 50 Stunden die Woche und in meinem Vertrag sind 80 Prozent Arbeitszeit angegeben. All die Nacht- und Wochenendarbeit zusammengerechnet komme ich auf einen Stundenlohn von unter 20 Franken. Eine Reinigungskraft hat da mehr.»

Berufsrisiko

Lehrer tragen grosse Verantwortung, brauchen ein starkes Nervenkostüm und eine eiserne Gesundheit. Dazu hält ein Lehrer aus der Zentralschweiz fest: «Ein Banker kann ein paar Millionen verlieren und wird trotzdem mit einem Bonus belohnt. Wenn sich ein Kind prügelt oder sonstwie verletzt, habe ich Ärger mit den Eltern, der Schulleitung und kann auf die nächste Beförderung lange warten.» Zu den weiteren Schattenseiten gehören auch Verleumdungen, Mobbing, Viren und Keime. «Berufsrisiko nennt sich das», so der Lehrer weiter.

Lehrer sollten zwar alle Schüler gleich behandeln, aber das ist nicht immer möglich, wie ein Hochschullehrer aus der Ostschweiz zugibt: «Ich habe sehr wohl Lieblingsschüler und solche, die ich nicht ausstehen kann. Benotet werden zwar alle gleich, aber meine Lieblingsschüler dürfen sich im Unterricht mehr erlauben, während ich andere fast beim Husten rausschmeisse.»

«Einfach mal motzen!»

Andere lassen Schüler sogar regelrecht auflaufen, wie ein Zürcher Oberstufenlehrer gesteht: «Einer meiner Schüler war äusserst mühsam und störte ständig den Unterricht. Ich liess ihn ein riesiges Gedicht auswendig lernen, welches selbst ich in so kurzer Zeit nicht hätte auswendig lernen können. Genüsslich gab ich ihm eine ungenügende Note, während er das Gedicht vor sich hin stotterte.»

Und als ob Lehrer nicht schon genug zu kämpfen hätten mit Schulleitung, Behörden, Schülern und deren Eltern sind da auch noch die anderen im Kollegium: «Mir geht es unglaublich auf die Nerven, wenn Kolleg(innen) und andere über Lehrmittel und Methodiken herziehen und selber keine Ahnung haben, um was es geht», nervt sich eine Lehrperson aus Basel. «Aber einfach mal motzen!»

Was die teilnehmenden Lehrer den Schülern noch sagen wollen:

- Sorry Kids, wir wissen auch nicht alles.

- Wir haben manchmal auch einen schlechten Tag.

- Auch Lehrer machen Fehler.

- Lehrer haben auch Gefühle, die verletzt werden können.

- Die Lernenden verdienen den besten Unterricht, den es gibt.

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