07.09.2020 02:52

Ärzte fordern6-Jährige sollen bei Husten zum Covid-Test

Genfer Ärzte testen angesichts stark steigender Fallzahlen vermehrt auch Kinder unter 12 Jahren. Das BAG sieht dies nicht vor, prüft aber, die Empfehlung auch national zu ändern.

von
Pascal Michel, Bettina Zanni
1 / 10
Kinder sollte man genauso testen wie Erwachsene, sagte Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf, zur «NZZ am Sonntag».

Kinder sollte man genauso testen wie Erwachsene, sagte Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf, zur «NZZ am Sonntag».

KEYSTONE
Nur so werde man erfahren, welche Massnahmen etwas bringen, um die Infektionszahlen tief zu halten, sodass die Bevölkerung gut durch den Winter komme, so Eckerle.

Nur so werde man erfahren, welche Massnahmen etwas bringen, um die Infektionszahlen tief zu halten, sodass die Bevölkerung gut durch den Winter komme, so Eckerle.

KEYSTONE
Daneben befürwortet Eckerle eine Maskenpflicht in der Primarschule, also für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren – zusammen mit anderen Massnahmen.

Daneben befürwortet Eckerle eine Maskenpflicht in der Primarschule, also für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren – zusammen mit anderen Massnahmen.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Kinder sollten bei leichten Symptomen ebenso oft wie Erwachsene auf das Coronavirus getestet werden, fordern eine Virologin und ein Infektiologe.
  • Auch befürworten sie Masken für unter 12-Jährige.
  • Eine Kinderärztin wehrt sich gegen mehr Corona-Tests an Kindern: «Würden Kinder bei jedem Schnupfen getestet, könnte ich den ganzen Tag nichts anderes mehr machen.»
  • Aber auch für das BAG ist im Hinblick auf den Herbst und Winter ein breiteres Testen von Kindern nicht ausgeschlossen.

Sobald Jugendliche und Erwachsene erkältet sind, sollen sie zum Corona-Test antraben. Bei Kindern unter 12 Jahren empfiehlt das BAG den Test hingegen nicht in jedem Fall (siehe Box). Anderer Meinung ist Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf. Kinder sollte man genauso testen wie Erwachsene, sagte sie zur «NZZ am Sonntag». Nur so werde man erfahren, welche Massnahmen etwas bringen, um die Infektionszahlen tief zu halten, sodass die Bevölkerung gut durch den Winter komme. «Wenn wir Kinder nicht testen, wird man Schulausbrüche womöglich zu spät bemerken.»

Eckerle begründet die Forderung damit, dass sonst das Infektionsgeschehen in Schulen lange lodern könne und so Schulschliessungen wieder nötig würden. Das Testen von Kindern sei eine grosse Herausforderung, gerade weil Kinder im Winter viele Erkältungen hätten. Zudem zeigen Kinder oft nur milde oder gar keine Symptome. «Trotzdem müssen wir die Corona-Fälle entdecken.» Daneben befürwortet Eckerle eine Maskenpflicht in der Primarschule, also für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren – zusammen mit anderen Massnahmen. «Man sollte Kinder nicht unterschätzen.»

Fälle in Schulen

Ein Blick in die Statistiken und Schlagzeilen der vergangenen Wochen zeigt: Corona trifft auch Kinder unter 12 Jahren. So infizierten sich zwei Schüler der Primarschule Baumgärtli in Horgen mit dem Virus. In Baden schickten die Behörden eine Klasse in Quarantäne, weil insgesamt sechs Schüler erkrankten und die Schule als Ansteckungsort nicht ausgeschlossen werden könne.

Zürich und Genf als Hotspot

Insgesamt zählt das Bundesamt für Gesundheit aber seit Beginn der Pandemie erst 434 bestätigte Fälle bei Kindern zwischen 0 und 9 Jahren. Das entspricht einem Prozent der bestätigten Fälle. Ein Hotspot ist der Kanton Zürich mit 110 absoluten Fällen und 68,5 Fällen pro 100’000 Einwohnern. Im Verhältnis führt Genf mit 182 Fällen pro 100’000 Einwohner (96 absolut). Dies dürfte auch daran liegen, dass dortige Ärzte schon vermehrt Kinder unter 12 Jahren testen. So ist auch zu erklären, dass der Kanton Waadt generell gleich viele Fälle pro Einwohner hat, der Kanton Genf aber bei den Kindern extrem viel mehr Fälle verzeichnet:


Doch die Frage, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Virus tatsächlich spielen, ist noch immer nicht ganz klar. Eckerle betont, dass infizierte Kinder eine genauso hohe Viruslast wie Erwachsene hätten. Es gebe eigentlich keine Erkältungsviren, bei denen Kinder bei der Verbreitung keine Rolle spielen. Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes hält indes fest, dass Kinder unter 12 Jahren «keine Haupttreiber der Pandemie sind». Es gebe wenig Beweise dafür, dass Kinder Erwachsene ansteckten. Das Gremium sieht die Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren als wichtigere Verbreiter des Virus an, auch aufgrund deren Mobilität.

«Einheitliche Regeln»

Alessandro Diana, Kinderarzt und Infektiologe an der Clinique des Grangettes in Genf, sagt: «Um die Pandemie besser unter Kontrolle zu haben, bräuchte es einheitliche Regeln für alle Altersgruppen», sagt er. Kinder seien zwar nicht als Super-Überträger des Virus erwiesen. Würden aber auch Kinder mit Erkältungssymptomen konsequent getestet, könnten die Ansteckungsorte besser zurückverfolgt werden. «Tests sind eine der besten Waffen gegen das Virus.»

Diana merkt jedoch an, dass die Tests für kleine Kinder schwierig zu ertragen seien. Unter Berücksichtigung der epidemiologischen Lage, des gesundheitlichen Nutzens und der persönlichen Unannehmlichkeiten für das Kind versuchten die Ärzte, den besten Entscheid für das Kind im aktuellen Moment zu treffen.

Dass Genf derzeit im Verhältnis so viele positive Kinder-Fälle melde, liegt laut Diana daran, dass die dortigen Ärzte aufgrund der lokal heiklen Lage vermehrt auch Kinder testen. Im Kanton würden sie die Empfehlungen des BAG respektieren. «Aber wenn wir sehen, dass ein Kind covid-kompatible Symptome hat oder sich in einem solchen Umfeld befindet, empfehlen wir Tests.» Gewisse Eltern forderten einen Test auch aus administrativen Gründen.

«Rotznase von September bis April»

Diese Meinung teilen aber nicht alle Kinderärzte. Krippenkinder und teilweise auch junge Primarschüler hätten von September bis April eine Rotznase, sagt Sabine Zehnder, Kinderärztin in der Kijumed-Praxis in Bern. «Würden Kinder bei jedem Schnupfen getestet, könnte ich den ganzen Tag nichts anderes mehr machen.» Mit Sars-Covid-2 anstecken würden sich die Kinder bei den Eltern und nicht umgekehrt. Bei üblichen Schnupfen- und Grippeviren seien es aber die Kinder, die ihre Eltern anstecken. «Haben die Eltern keine Symptome, sondern nur die Kinder, dann sollen Letztere zu Hause bleiben, bis die Symptome für 24 Stunden abgeklungen sind. Tests wären in dieser Situation überflüssig.»

Eine Maskenpflicht ab 10 Jahren hält Zehnder jedoch für vernünftig. «Durch das Tragen von Masken stecken sich die Schüler auch weniger mit anderen Viren an, weshalb man weniger Corona-Tests bei Kindern durchführen müsste.» Für Kleinkinder sei eine Maskenpflicht dagegen undenkbar. In diesem Entwicklungsalter müssen Kinder noch vieles in den Mund nehmen, um die Welt zu erkundigen. «Aufgrund der Maske könnten sie dies nicht mehr tun, was sie in ihrer Entwicklung erheblich behindern würde.»

Auch für das BAG ist ein breiteres Testen von Kindern nicht ausgeschlossen. «Das BAG ist zusammen mit den Pädiatern dabei, die Frage zu besprechen, dies insbesondere im Hinblick auf den Herbst/Winter», sagt Mediensprecherin Katrin Holenstein. Ein Entscheid, ob die Empfehlungen angepasst oder präzisiert werden sollten, sei noch nicht gefallen.

Kinder und Masken

Laut Alessandro Diana, Arzt und Infektiologe an der Clinique des Grangettes in Genf, muss zuerst wissenschaftlich erwiesen sein, ab welchem Alter Masken nützlich sind. Würde Kindern das Maskentragen empfohlen, bräuchte es für Eltern und Lehrpersonen klare Richtlinien. Anleiten könne man die Kinder anhand von Fotos und Videos. Sträube sich ein Kind gegen die Maske, müsse die Ursache dafür erkannt werden. «Man muss auf die individuelle Situation des Kindes eingehen und eine entsprechende Lösung finden.»

Wann wird getestet?

Das BAG hält in seinen Testkriterien für Kinder fest, dass Kinder meist von infizierten Erwachsenen aus dem eigenen Haushalt angesteckt werden und selber selten Auslöser einer Übertragung sind. Der Anteil positiv getesteter Kinder sei zurzeit äusserst klein. Kinder unter 12 Jahren mit leichten Symptomen müssen nicht in jedem Fall getestet werden. Den Entscheid über die Durchführung eines Tests trifft der behandelnde Arzt mit den Eltern.
Dass schon kleine Kinder Masken tragen, ist im asiatischen Raum alltäglich. In Japan warnte deshalb die Vereinigung der Kinderärzte die Eltern, erst zweijährigen Kindern Masken aufzusetzen. Die spanischen Behörden verordneten für den Schulbeginn im Herbst ein Maskenobligatorium für alle Schüler ab 6 Jahren. In Frankreich gilt ebenfalls ein Maskenobligatorium in der Schule ab 11 Jahren. Die WHO empfiehlt das Maskentragen ab 12 Jahren.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
386 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

GrenzenZu

08.09.2020, 23:28

O Gott, eine Erkältung...

die tun was

08.09.2020, 21:50

in einigen eu ländern wird die impfpflicht bereits vorbereitet. werden die kinder nicht geimpft dürfen sie nicht mehr in die schule. da sie das recht auf ausbildung haben, kümmert sich dann die kinderschutzbehörde z.b. mit fremdplatzierung

Maske Rade

08.09.2020, 20:46

Wisst ihr nicht, dass das Virus zig mal kleiner ist, als die Maschen einer Maske? Statt Maske zu tragen, sollt ihr das Immunsystem stärken, kein Zucker, kein Alkohol, wenig Kohlenhydrate konsumieren.