60 Jahre Israel – (k)ein Grund zum Feiern
Aktualisiert

60 Jahre Israel – (k)ein Grund zum Feiern

Der Staat Israel feiert den 60. Jahrestag seiner Gründung, doch die Feststimmung ist getrübt. Korrupte Politiker, ein latentes Gefühl der Bedrohung und der wachsende Graben zwischen Arm und Reich schlagen vielen Israelis aufs Gemüt.

von
Peter Blunschi

Am Sonntag sagte Ministerpräsident Ehud Olmert alle Interviews mit israelischen Medien ab, die für den Unabhängigkeitstag am Donnerstag geplant waren. Besagte Medien hatten gleichentags über die mittlerweile vierte Korruptionsaffäre berichtet, in die der Regierungschef verwickelt ist. Dabei handle es sich um illegale Wahlkampfspenden eines US-Geschäftsmannes für Olmert, um betrügerische Immobilien-Transaktionen und um die Ernennung von Günstlingen auf wichtige Verwaltungsposten.

«Das könnte das Ende sein», schrieb die Zeitung «Maariv» über Olmert. Ende 2007 hatte die Staatsanwaltschaft aus Mangel an Beweisen noch auf eine Korruptionsanklage gegen den Regierungschef im Zusammenhang mit der Privatisierung einer Staatsbank verzichtet. Ebenfalls am Sonntag wurde Ex-Finanzminister Avraham Hirschson wegen Veruntreuung, Amtsmissbrauch, Bestechung und Geldwäsche formell angeklagt. Hirschson ist ein enger Vertrauter von Olmert. Ihm wird vorgeworfen, als Gewerkschaftsführer bis 2005 eine Million Dollar unterschlagen zu haben.

Misstrauen gegenüber Politikern

Diese zwei prominenten Beispiele sind bei weitem nicht die einzigen Amtsträger, denen Korruption vorgeworfen wird. Sie fördern ein «tief sitzendes Misstrauen gegenüber Politikern», wie die «New York Times» festgestellt hat. Im März fragte «Maariv» die Leser, welcher von fünf potenziellen Kandidaten für den Job des Ministerpräsidenten am besten geeignet wäre. Die meisten Teilnehmer - fast 31 Prozent - sagten «keiner».

Das Unbehagen über die Politik ist nur ein Faktor, warum viele Israelis diese Woche nicht in Festlaune sind. Dabei hätten sie allen Grund dazu. Allein die Tatsache, dass der jüdische Staat nach wie vor existiert, ist keine Selbstverständlichkeit. 60 Jahre Israel seien «ein Triumph von Initiative, Innovation, Standhaftigkeit und Glaube», schrieb David Horovitz, Chefredaktor der konservativen Zeitung «Jerusalem Post».

Eines von drei Kindern in Armut

Auch wirtschaftlich boomt das Land, Israel zählt zu den führenden Hightech-Nationen. Gleichzeitig lebt gemäss einem Bericht vom Februar jedoch eines von drei Kindern in Armut und wächst die Zahl der Working Poor. «Der Graben zwischen Unternehmern mit sehr hohen Einkommen und denen ganz unten verbreitert sich», sagte Sozialminister Isaac Herzog der Zeitung «Independent». Berichte über extreme Fälle von Kindsmissbrauch tragen gemäss «New York Times» ebenfalls zur Misere bei.

Hinzu kommen die ungelösten Konflikte mit den arabischen Nachbarn. Die angestrebte Zweistaaten-Lösung mit den Palästinensern ist nicht in Sicht. Die atomare Bedrohung durch den Iran ist ein Dauerthema. Der missratene Libanonkrieg 2006 und die Unfähigkeit, den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen zu stoppen, erzeugen ebenfalls ein «wachsendes Gefühl der Demoralisierung», so die «New York Times». Die israelische Armee hat ihre «Unbesiegbarkeit» eingebüsst. Symptomatisch dafür ist, dass immer mehr junge Israeli versuchen, dem Militärdienst zu entgehen.

Streit um Jubiläums-Budget

In diesem Umfeld wird selbst das Budget der Jubiläumsfeierlichkeiten von rund 30 Millionen Franken zum Politikum. An sich keine exorbitante Summe, doch Umfragen ergaben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung eine bescheidenere Feier vorziehen würde. Eine Online-Petition in gleicher Sache wurde von mehr als 90 000 Personen unterzeichnet. Dabei fliesst ein grosser Teil des Geldes in Projekte für neue Picknickplätze oder einen Radweg durch Israel, die auch nach dem Jubiläum Bestand haben werden.

Viele ärgern sich über diesen Defätismus. «Sind wir verrückt geworden?» fragte etwa die Zeitung «Yediot Aharonot». Für den Korrespondenten des «Independent» ist ohnehin klar, dass Israel «kein normales Land ist». Der kritische Historiker Tom Segev sieht Israel als «Experiment, das noch nicht gelungen und noch nicht gescheitert ist». Und auch für den «Jerusalem Post»-Chefredaktor muss Israel mit 60 «entscheiden, was es will» - vor allem in Bezug auf die besetzte Westbank. Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht – mit ein Grund, warum das Feiern so schwer fällt.

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