Aktualisiert 18.05.2020 09:39

«BAG muss jetzt Gas geben»

60 Prozent würden umstrittene Tracing-App herunterladen

Der Start der Contact-Tracing-App zur Nachverfolgung der Infektionsketten verzögert sich. Dabei wäre eine Mehrheit bereit, eine solche App zu installieren.

von
Joel Probst
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So sieht die Testversion der Schweizer Tracing-App aus. Hundert Soldaten haben sie bereits getestet.

So sieht die Testversion der Schweizer Tracing-App aus. Hundert Soldaten haben sie bereits getestet.

KEYSTONE
Zweck der App ist, das manuelle Contact Tracing zu unterstützen.

Zweck der App ist, das manuelle Contact Tracing zu unterstützen.

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Die App informiert ihren Nutzer darüber, wenn er mit einem Infizierten in Kontakt gekommen ist.

Die App informiert ihren Nutzer darüber, wenn er mit einem Infizierten in Kontakt gekommen ist.

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Darum gehts

  • Eine 20 Minuten-Umfrage zeigt: 60 Prozent der Schweizer wollen die Contact Tracing-App herunterladen.
  • Politiker freuen sich an der hohen zu erwartenden Nutzerzahl, sind sich aber uneins darüber, ob diese ausreicht.
  • Sie fordern, dass es jetzt zügig vorwärts geht. Die App soll so schnell wie möglich lanciert werden.

Noch sind die Ansteckungszahlen in der Schweiz trotz den Lockerungen tief. Doch die Schweizer haben Angst vor einer zweiten Welle, wie die Corona-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia mit über 26’000 Teilnehmern zeigt. 63 Prozent rechnen damit, dass die Corona-Fallzahlen aufgrund der Lockerungen wieder steigen.

Wohl auch, um das zu verhindern, wollen 60 Prozent der Schweizer die von ETH und EPFL entwickelte Contact Tracing-App herunterladen, wenn die Anonymität der Daten gewährleistet ist. Die App würde es erlauben, Kontaktpersonen von Infizierten – etwa den unbekannten Sitznachbarn im Zug – zu warnen und in Isolation zu schicken.

26'145 Teilnehmer

Zur Umfrage

26'145 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 14. Mai online an der Corona-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,4 Prozentpunkten.

«Wenn 60 Prozent die App nutzen, wäre das ein guter Anfang»

«Das Resultat überrascht mich nicht», sagt Judith Bellaiche, GLP-Nationalrätin und Geschäftsführerin IT-Verbandes Swico, zu 20 Minuten. Es zeige das Bedürfnis der Bevölkerung nach einer effizienten Contact-Tracing-Lösung. «Die Leute haben verstanden, dass sie mit der App keine Angst um ihre Privatsphäre haben müssen.»

Bellaiche ist überzeugt von der App-Lösung: «Wenn wirklich 60 Prozent der Schweizer das App herunterladen, wäre das ein sehr gute Anfang. Dann hätte die App sicher die gewünschte Verbreitung.» Es brauche aber eine Informationskampagne, mahnt sie. «Sie muss erklären, was die App kann und was nicht. Die App darf nicht dazu führen, dass die Hygiene- und Abstandsregeln vernachlässigt werden.»

«App muss so schnell wie möglich lanciert werden»

Die App sogar für obligatorisch erklären, wollte CVP-Ständerätin und Präsidentin der Mitte-Fraktion, Andrea Gmür. Auch sie freut sich, dass 60 Prozent die App herunterladen wollen. «Aber das reicht nicht», sagt sie zu 20 Minuten. Trotzdem ist sie von ihrer Idee eines Obligatoriums abgerückt: «Sie kam nicht gut an, damit kann ich leben. Ich muss nicht etwas Chancenloses durchboxen.»

Sie fordert jetzt mehrere Aufrufe des Bundes, die App herunterzuladen. «Wirklich breit adaptiert wird die App ansonsten wohl nicht», so Gmür. Es gebe vehemente Gegner von jeglichen Tracing-Apps, «obwohl sie im Kampf gegen das Coronavirus sehr wirkungsvoll wären, vorausgesetzt natürlich, dass Leute, die mit Infizierten in Kontakt waren, sich dann auch in Quarantäne begeben».

Gmür fordert den Bundesrat dazu auf, jetzt vorwärtszumachen: «Wichtig ist, dass die App jetzt so schnell wie möglich lanciert wird.» Die App braucht aber eine gesetzliche Grundlage, die das Parlament noch verabschieden muss. So entschied es das Parlament in der Corona-Session. Gmür findet das unglücklich: «Der Bundesrat hätte dies aufgrund des Epidemiengesetzes getan. Gebremst wurde er vom Parlament, das eine zusätzliche gesetzliche Grundlage will.»

Auch Bellaiche geht es zu langsam. Sie wundere sich, dass die App noch immer nicht ausgerollt wurde. «Das BAG muss jetzt Gas geben.» Die Lockerungen seien im Gange, es brauche schnell ein effizientes Instrument für das Contract Tracing. Sie nimmt aber nicht das Parlament, sondern den Bund in die Pflicht: «Mittlerweile frage ich mich, ob das BAG wirklich bereit ist. Es gab offenbar eine Verzögerung, mit dem Parlament hat das aber nichts zu tun.» Sie ist der Meinung, dass die App auch schon parallel zur Ausarbeitung der Gesetzesgrundlage lanciert werden könnte.

Testlauf geplant

Im April sagte Pascal Strupler, Direktor des BAG, eine fertige Tracing-App solle am 11. Mai fertig sein. Ende April wurde ein erster Versuch mit hundert Soldaten durchgeführt. Erst am 13. Mai erliess der Bundesrat eine Verordnung für die Testphase der App. Laut dem BAG soll sie ab dieser Woche von «Mitarbeitenden der Eidgenössisch Technischen Hochschulen in Lausanne und Zürich, von Armeeangehörigen und Mitarbeitenden von Spitälern sowie der eidgenössischen und kantonalen Verwaltungen» getestet werden. Die gesetzliche Grundlage für die App wird in der Sommersession im Juni vom Parlament beraten. Wann sie schliesslich breit ausgerollt wird, bleibt unklar.

So funktioniert die App

Die App nutzt die Bluetooth-Technologie. Wer während 15 Minuten weniger als 2 Meter Abstand zu einer positiv auf Coronavirus getesteten Person hatte, wird benachrichtigt. Die Benachrichtigten können sich dann vorsorglich in Quarantäne begeben und testen lassen. Die Prozesse laufen dabei dezentral und anonym ab, Personen- oder Ortungsdaten werden laut BAG keine gespeichert. Details zur App sind auf der BAG-Webseite zu finden.

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107 Kommentare
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Jangdebang

19.05.2020, 07:54

Ohne mich! Das machen wohl nur die Kleingeister, die den früheren Fichenskandal und weitere Datenklaubereien (schönfärberisch: Datenerhebungen) durch den Staat vergessen oder nicht erlebt haben. Ich für meinen Teil mache auf striktes “Social-Distancing“ und habe es nicht nötig, mich ausspionieren zu lassen.

alfie

19.05.2020, 07:08

Laut einer Umfrage,so lassen sich die Menschen manipulieren,die momentane Verlogenheit kennt keine Grenzen mehr

Expat

19.05.2020, 06:04

Komplett unnötig und irreführend ... das wird in die Millionen Leute gehen, d.h. die halbe Schweiz ... einzig Disziplin und der richtige Schutz bringen es ... oder wollen wir den totalen Polizeistaat??? Das CH Gesundheitssystem ist schon vorbereitet, kein Problem mehr mit Covid .. in 4 Jahren kommt wieder die nächste Welle ... neuer Virus ... die Chinesen forschen munter weiter, die Fledermäuse fliegen noch herum ...