Pierin Vincenz vor Gericht – 600’000 Franken für private Eskapaden – so wild feierte der Ex-Raiffeisen-Chef
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Pierin Vincenz vor Gericht600’000 Franken für private Eskapaden – so wild feierte der Ex-Raiffeisen-Chef

Ende Januar startet einer der grössten Wirtschaftsprozesse der Schweizer Geschichte. Im Mittelpunkt werden auch die privaten Eskapaden von Pierin Vincenz stehen.

von
Stefan Hohler
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Der heute 65-jährige Pierin Vincenz war von 1999 bis März 2016 Chef der Raiffeisenbank. 

Der heute 65-jährige Pierin Vincenz war von 1999 bis März 2016 Chef der Raiffeisenbank.

20min/Dominic Benz
Ende Januar steht er wegen gewerbsmässigen Betruges vor Gericht.

Ende Januar steht er wegen gewerbsmässigen Betruges vor Gericht.

Tamedia AG
Der grösste Wirtschaftsprozess seit langem findet vor dem Bezirksgericht Zürich statt.

Der grösste Wirtschaftsprozess seit langem findet vor dem Bezirksgericht Zürich statt.

20min/hoh

Darum gehts

Die Anklageschrift ist so umfangreich wie ein dickes Buch: Auf 364 Seiten beschreibt die Zürcher Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität akribisch genau, was sie den beiden Hauptverantwortlichen Pierin Vincenz und Beat Stocker sowie fünf weiteren Beschuldigten alles vorwirft: gewerbsmässigen Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung, unlauteren Wettbewerb sowie weitere Delikte. Allein das Abkürzungsverzeichnis aller beteiligten Personen und Firmen umfasst dreieinhalb Seiten.

Der heute 65-jährige Vincenz war von 1999 bis März 2016 Chef der Raiffeisenbank und hatte in dieser Zeit laut verschiedenen Medienberichten rund 40 Millionen Franken verdient. Beat Stocker war der ehemalige Chef des Finanzdienstleistungs­unternehmens Aduno (heute Viseca) und arbeitete während Jahren mit Vincenz, der auch Präsident des Verwaltungsrates von Aduno war, zusammen.

Beide sollen sich verdeckt privat an mehreren Start-ups im Umfeld von Raiffeisen und Aduno beteiligt und an diversen Transaktionen auf ungerechtfertigte Weise bereichert haben. Laut Anklageschrift erzielten die beiden einen unrechtmässigen persönlichen Gewinn von insgesamt 25 Millionen Franken: Vincenz knapp neun Millionen Franken und Stocker 16 Millionen Franken.

Monatelang in U-Haft

In einem Interview in der «NZZ am Sonntag» anfangs dieses Jahrs wehrte sich der 61-jährige Stocker: Er habe mit diesen privaten Engagements zuerst in seiner Rolle als CEO und später als Mitglied des Verwaltungsrats der Aduno «stets im Interesse meines Arbeitgebers» gehandelt. Sowohl Vincenz als auch Stocker sassen nach Strafanzeigen von Aduno und Raiffeisen im Frühjahr 2018 über drei Monate lang in Untersuchungshaft.

Weiter wirft die Staatsanwaltschaft vor allem Vincenz vor, dass er sich private Auslagen in Cabarets, Stripclubs und Kontaktbars in der ganzen Schweiz von knapp 200’000 Franken von Raiffeisen vergüten liess. Vor allem der King’s Club an der Talstrasse in der Zürcher City hatte es Vincenz angetan: Rund 50 Mal verkehrte er zwischen April 2009 und Juni 2015 im damaligen Stripclub und bezahlte die Rechnungen in der Gesamthöhe von 90’000 Franken mit der Firmenkreditkarte.

Auch Reisen mit Familie und Freunden zu Vergnügungs- und Erholungszwecken von total 250’000 Franken beglich er mit der Firmenkreditkarte. Beispielsweise einen Flug im Privatjet und Limousinenservice nach Mallorca mit fünf Hobbykoch-Freunden für 32’000 Franken oder eine dreitägige Reise nach Marrakesch in Marokko mit Tochter und deren Freundin für 8700 Franken.

700 Franken für Tinder-Date

Damit nicht genug: Bei einem privaten Beziehungsstreit mit einer Tänzerin bei der Übernachtung im Hotel Park Hyatt in Zürich wurde ein Zimmer stark beschädigt und Vincenz bürdete die Reparaturkosten von rund 3800 Franken der Bank auf. Ein Nachtessen mit einer Tinder-Bekanntschaft für 700 Franken im Hotel Storchen ging ebenfalls auf Geschäftskosten.

Laut Staatsanwaltschaft machten all diese privaten Auslagen knapp 600’000 Franken aus, die unrechtmässig der Raiffeisenbank belastet wurden. Für Vincenz und Stocker fordert der Staatsanwalt unbedingte Gefängnisstrafen von sechs Jahren. Zudem sollen sie neun beziehungsweise 16 Millionen Franken aus den unrechtmässig getätigten Transaktionen mit ihrem Privatvermögen (Bankkonten, Bargeld, Liegenschaften) zurückzahlen.

Für die anderen fünf Beschuldigten, ebenfalls Finanzleute und ein Kommunikationsberater, fordert die Anklage wegen Gehilfenschaft zu Betrug teilbedingte Freiheitsstrafen von zwei und zweieinhalb Jahren sowie eine Geldstrafe. Auch bei ihnen soll das Privatvermögen für die Rückzahlung der unrechtmässig erzielten Gewinne in der Höhe von 42 Millionen Franken eingezogen werden.

Der grösste Wirtschaftsprozess seit langem findet am 25. Januar vor dem Bezirksgericht Zürich statt. Aus Platzgründen wird die mehrtägige Verhandlung im Volkshaus durchgeführt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Video aus dem Jahr 2018 zeigt Pierin Vincenz auf dem Weg zu den Staatsanwälten.

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