Aus Mariupol: 61-jähriger Ukrainer flüchtet 225 Kilometer zu Fuss
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Aus Mariupol61-jähriger Ukrainer flüchtet 225 Kilometer zu Fuss

Als russische Soldaten anfingen, wahllos Menschen in ihren Häusern aufzusuchen, um sie zu erschiessen, machte sich Igor Pedin mit seinem Hund Zhu-Zhu auf die Flucht – zu Fuss. 

Der 61-jährige Igor Pedin lief von Mariupol bis nach Saporischschja – eine gefährliche Flucht, die ihm gelang. 

Der 61-jährige Igor Pedin lief von Mariupol bis nach Saporischschja – eine gefährliche Flucht, die ihm gelang. 

Screenshot Google Maps

Darum gehts

Das Ziel von Igor Pedin war es, wie er vom «Guardian» zitiert wird, «wie ein Gespenst mit seinem kleinen Trolley mit Vorräten und seinem Hund Zhu-Zhu aus Mariupol nach Saporischschja zu flüchten». Doch Saporischschja, die nächste – relativ gesehen – sichere Stadt, liegt insgesamt 225 Kilometer weit entfernt, was einer Laufdistanz von Basel nach Genf entspricht

«Als unsichtbarer Mann» habe sich Pedin durch Mariupol «treiben» lassen, erzählt er im Nachhinein dem Journalisten des «Guardian». Doch so eine Flucht bedeutet, den entgegenkommenden russischen Truppen auszuweichen, nicht auf Minen zu treten und auf zerbombten Strassen immer weiter zu laufen, bis nach Saporischschja.

Er habe das Haus verlassen und nahm nur das mit, was er aus eigener Kraft stemmen konnte: Rund 50 Kilogramm Gepäck und seinen Hund, einen neunjährigen Terriermischling mit dem Namen Zhu-Zhu. Mitte April erreichte er die Stadtgrenze von Mariupol. Mit einem gesenkten Blick vorbei an den russischen Soldaten, die ihn «wohl für einen Vagabunden gehalten hätten», schildert er. 

Am gleichen Abend: Nach viereinhalb Stunden gelang der 61-Jährige bis nach Nikolske.

Am gleichen Abend: Nach viereinhalb Stunden gelang der 61-Jährige bis nach Nikolske.

Screenshot Google Maps

Sie hätten ihn nämlich nicht beachtet, wie er dem «Guardian» weiter schildert. In Nikolske, wo er am selben Abend müde ankam, wurde er von einem Mann zu einem Glas Wodka eingeladen. Obwohl er seit 15 Jahren nicht mehr getrunken hätte, machte er eine Ausnahme, weil der Mann im Krieg seinen Sohn verloren hatte. 

Als er sich am nächsten Morgen aufmachte, um seine Reise fortzuführen, wurde er nach einigen Kilometern an einem tschetschenischen Checkpoint gestoppt. Von den Soldaten wurde er nach Nikolske zurückgebracht, wo er von den Soldaten befragt wurde. Pedin erklärte den Soldaten, er würde in Saporischschja wegen eines Magengeschwürs behandelt werden – die Soldaten kauften ihm die Geschichte ab, durchsuchten ihn und liessen ihn schliesslich, nach einigen Drohungen weiterziehen. 

Die Dokumente der Tschetschenen erleichterten ihm die Weiterreise

Die Soldaten zwangen eine Familie, ihn mit einem Auto in die nächste Stadt mitzunehmen. Von dort ging er wieder zu Fuss: Wegen Dokumenten, die er von den Tschetschenen erhalten hatte, liessen ihn die Soldaten an den nächsten Checkpoints problemlos passieren. Als er seine Reise auch in der Nacht fortführen wollte, wurde er von Soldaten angehalten. Sie brachten ihn in eine Unterkunft – es sei zu gefährlich in der Nacht weiterzulaufen – wegen der Gefahr erschossen zu werden, sollen sie ihm gesagt haben. 

Als er kurz vor Saporischschja an einen weiteren Checkpoint gelang, liessen ihn die Soldaten nicht passieren. Sie waren zwar erstaunt über seiner Geschichte und den zurückgelegten Weg, informierten ihn aber, dass die Strasse gesperrt sei und er auf einen anderen ausweichen müsse. Dank Zigaretten, die er an den Checkpoints zuvor erhalten hatte, konnte er sich von da aus durchfragen, wie er am besten aus dem Kriegsgebiet kommt. 

«Es war mein Moment des Ruhms»

Nachdem Pedin einen Hügel und einen Damm überquert hatte – und auch noch seinen Hund tragen musste, da dieser zu schwach war, um selbst zu laufen, traf er zwei Stunden vor seinem Ziel auf weitere Ukrainer. Diese fuhren ihn in einem Wagen nach Saporischschja. Mit viel Glück und der Hilfe von Soldaten sowie anderen Geflüchteten gelang Igor Pedin die Flucht aus Mariupol. 

Als er in Saporischschja das Zelt für die Ankunft der Geflüchteten aus Mariupol betrat und erzählte, dass er aus Mariupol bis dahin gelaufen sei, sollen ihn alle Leute angeschaut haben. «Es war mein Moment des Ruhms», soll Pedin dem Journalisten des «Guardian» gesagt haben.

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(sys)

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