Bürgerpflicht – Mehrheit fühlt sich bei einem Angriff auf die Schweiz zum Kämpfen verpflichtet
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BürgerpflichtMehrheit fühlt sich bei einem Angriff auf die Schweiz zum Kämpfen verpflichtet

78 Prozent der Männer und 54 Prozent der Frauen in der Schweiz sehen es als Pflicht an, das Land bei einem Angriff mit Waffengewalt zu verteidigen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von 20 Minuten und Tamedia.

von
Daniel Krähenbühl
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Gemäss einer Umfrage sehen es zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer als Pflicht an, das Land bei einem Angriff zu zu verteidigen. 

Gemäss einer Umfrage sehen es zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer als Pflicht an, das Land bei einem Angriff zu zu verteidigen. 

20min/Simon Glauser
In den letzten Wochen schlossen sich in der Ukraine zahlreiche Zivilisten der Armee an, um für das Land zu kämpfen und die russischen Streitkräfte abzuwehren.

In den letzten Wochen schlossen sich in der Ukraine zahlreiche Zivilisten der Armee an, um für das Land zu kämpfen und die russischen Streitkräfte abzuwehren.

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Nicht alle von ihnen kämpfen an der Front: Einige arbeiten als Fahrer, andere übernehmen technische Arbeiten wie diese Genietruppen. 

Nicht alle von ihnen kämpfen an der Front: Einige arbeiten als Fahrer, andere übernehmen technische Arbeiten wie diese Genietruppen. 

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Darum gehts 

  • In den letzten Wochen schlossen sich in der Ukraine zahlreiche Zivilisten der Armee an, um ihr Land zu verteidigen.

  • Eine repräsentative Umfrage zeigt: Müsste sich die Schweiz gegen einen Aggressor verteidigen, würden es 66 Prozent der Befragten als ihre Pflicht ansehen, das Land zu verteidigen. 

  • Die Mobilisierung in der Zivilbevölkerung sei höher als in vergangenen Kriegen und Krisen, sagt die Soziologie-Professorin Katja Rost: «Der Krieg in der Ukraine geht uns viel näher, einerseits weil die vom Krieg betroffenen Menschen eine ähnliche Kultur pflegen und der Krieg geographisch sehr nahe in Europa passiert.

Mütter, Studierende, Rentnerinnen und Rentner: Zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich in den letzten Wochen dem Kampf gegen Wladimir Putins Truppen angeschlossen, um sich selbst, ihre Nächsten und ihr Land zu verteidigen. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs fragen sich auch viele Schweizerinnen und Schweizer, wie sie sich im Ernstfall verhalten würden.

Wie eine repräsentative LeeWas-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia mit 12’437 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nun zeigt, sieht eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung im Falle eines Angriffs es als ihre Pflicht an, das Land mit der Waffe zu verteidigen. In einem Szenario, in dem sich die Schweiz gegen einen Aggressor verteidigen muss, sagten 66 Prozent der Befragten, dass sie es ihre Pflicht ansehen, für das Land zu kämpfen. Bei Armeeangehörigen sind es gar 91 Prozent.

Parteisympathie beeinflusst Entscheidung

Wie die Umfrage zeigt, ist die Verteidigung der Schweiz aber keine reine Männersache: Während 78 Prozent der Männer es als ihre Pflicht ansehen, die Schweiz mit der Waffe zu verteidigen, sind es bei den Frauen immer noch 54 Prozent.

Unterschiede sind entlang den Parteilinien zu erkennen: 40 Prozent der SP-Wählerinnen und -Wähler und 43 Prozent der Grünen sehen es im Verteidigungsfall nicht als ihre Pflicht an, zu den Waffen zu greifen, die Hälfte würde es tun. Zum Vergleich: Bei den Anhängerinnen und -Anhängern der FDP (77 Prozent), der Mitte (73 Prozent) und der SVP (77 Prozent) sind es deutlich mehr.

«Normale Bürger schlüpfen in Kriegsuniformen»

Die Mobilisierung in der Zivilbevölkerung sei höher als in vergangenen Kriegen und Krisen, sagt die Soziologie-Professorin Katja Rost: «Der Krieg in der Ukraine geht uns viel näher, einerseits weil die vom Krieg betroffenen Menschen eine ähnliche Kultur pflegen und der Krieg geographisch sehr nahe in Europa passiert, andererseits weil der Krieg in Folge der rasant fortschreitenden Digitalisierung in den Medien und auf Social Media allgegenwärtig ist.»

Diese «Macht der Bilder» beeinflusse wohl auch viele Schweizerinnen und Schweizer. «Sie sehen, dass normale Bürgerinnen und Bürger in die Kriegsuniformen schlüpfen, um das Land zu verteidigen», sagt Rost. «Das prägt auch das Bewusstsein. Man stellt sich die Frage, ob man im Ernstfall selbst bereit wäre, das eigene Land zu beschützen.» Dass es auch viele Frauen als ihre Pflicht sehen, die Schweiz zu verteidigen, sei mit der gestiegenen Emanzipation zu erklären, sagt Rost. «Man beobachtet seit langem, dass Frauen in Männerberufe drängen und etwa auch vermehrt ins Militär gehen.» Die Geschlechtergrenzen würden zunehmend verschwimmen.

Gleichzeitig seien jene Personen, die es nicht als ihre Pflicht ansehen, im Verteidigungsfall zu den Waffen zu greifen, nicht unpatriotisch, betont Rost. «Sie setzen jedoch eher auf eine friedliche Lösung und Diplomatie.»

Milizsystem als Grundlage

Die Resultate müssten unter den aktuellen Befindlichkeiten und Emotionalitäten gelesen werden, sagt Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA). Gerade dass 54 Prozent der Frauen sich in der Pflicht sehen, im Ernstfall zu verteidigen, habe ihn überrascht. «Mit unserem Milizsystem, welches lediglich auf die Verteidigung ausgelegt ist, hätten wir aber die institutionellen Grundlagen für ein solches Engagement.»

Das Milizprinzip könne eine «Scharnierfunktion» einnehmen zwischen ziviler, emotionaler Beteiligung einerseits, und andererseits der völkerrechtlich und technisch notwendigen Institutionalisierung von Sicherheit, sagt Reginold. «Alles in allem ist aber anzunehmen, dass der Krieg für viele in der Schweiz noch immer etwas Abstraktes ist, auch wenn mit den täglichen Kriegsbildern eine gewisse Normalität des Kriegsgeschehens stattfindet.»

Zur Umfrage

12’437 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 16. März online aktuelle Fragen zum Krieg in der Ukraine beantwortet. Die Umfragen von 20 Minuten und Tamedia werden in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH der Politikwissenschaftler Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1 Prozentpunkt.

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