18.11.2020 17:29

Corona-Faktencheck7 Dinge, die Impfskeptikern Bauchweh machen

Die einen feiern die Aussicht auf einen baldigen Corona-Impfstoff, anderen bereitet sie – aus verschiedenen Gründen – grösste Sorgen. Doch sind die überhaupt berechtigt?

von
Fee Anabelle Riebeling

Kurz erklärt: Der Modern-Impfstoff kommt laut einer Studie auf eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent.

Darum gehts

  • Die Meldungen zu möglichen Corona-Impfstoffen gefallen nicht allen.

  • Es tauchen auch Kritik und Ängste auf.

  • Die meisten sind jedoch unbegründet.

Die Meldung, dass nicht nur der Impfstoffkandidat des deutschen Unternehmens Biontech, sondern auch der der US-Firma Moderna hochwirksam zu sein scheint und bereits im kommenden Jahr mit der Immunisierung von Personen begonnen werden soll, kommt nicht bei allen Menschen gut an: Einige befürchten eine Impfpflicht, anderen geht es einfach zu schnell, als dass der Impfstoff wirklich sicher sein könnte. Wieder anderen ist die Impfstoff-Technologie (mRNA) selbst ein Dorn im Auge. Doch was ist an den Kritikpunkten überhaupt dran? Ein Überblick.

Droht der Schweiz eine Impfpflicht?

Nein. Einen Impfzwang für die Schweiz lehnt der Bundesrat klar ab. Auch das BAG sieht ein Impfobligatorium im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 für die ganze Bevölkerung nicht vor, so Sprecherin Masha Maria Foursova. Stattdessen beabsichtige man, «die Bevölkerung umfassend und transparent über die Covid-19-Impfung zu informieren». So könne diese ihre Impfentscheide in Kenntnis der Sachlage treffen. Aus Sicht von Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF), ergibt ein Impfobligatorium auch schlicht keinen Sinn: «Das primäre Ziel ist es, Risikopatienten sowie deren Kontakte und das Gesundheitspersonal zu impfen», um schwere Erkrankungen zu verhindern, Leben zu retten und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten.

Zudem wäre ein Impfobligatorium in der Schweiz rechtlich auch gar nicht durchsetzbar, so Staatsrechtlerin Franziska Sprecher von der Universität Bern – zumindest nicht für die Gesamtbevölkerung. Gegenüber SRF erklärte sie, dass eine Impfpflicht zwar nach geltendem Recht möglich sei, allerdings nur punktuell «für spezifische Gruppen wie etwa Personen, die mit vulnerablen Gruppen zu tun haben, insbesondere das Gesundheitspersonal». Ob das ein Thema wird, sei völlig offen, sagt Berger: «Wir haben bis jetzt weder fertige Studiendaten noch eine Zulassung eines Impfstoffes.» Es gelte erst einmal, die finalen Ergebnisse der Phase-3-Studien abzuwarten. «Bis dahin empfehlen wir gar nichts.»

Lässt sich mit freiwilliger Impfung ein Herdenschutz erreichen?

«Wir gehen davon aus, dass durch eine Immunisierung – entweder durch Erkrankung oder Impfung – von mindestens 60 Prozent der Bevölkerung ein ausreichender Schutz entsteht», sagt BAG-Sprecherin Foursova. Die konkrete Impfempfehlung für Zielgruppen in der Schweizer Bevölkerung werde von den Eigenschaften sowie von der Verfügbarkeit der einzelnen Impfstoffe abhängen.

Bei der EKIF ist man zurückhaltender: Beim Erreichen eines Herdenschutzes gehe es darum, dass die Geimpften die Übertragung des Virus unterbrechen. Ob das mit einem der Impfstoffe gelingt, ist aufgrund fehlender Studienresultate noch offen: «Um bei Sars-CoV-2 eine solche Herdenimmunität zu erreichen, müssten theoretisch mindestens 60 bis 70 Prozent geimpft sein», so Berger. «Diese Vorgabe stimmt nur für einen idealen Impfstoff.» Das heisst: Alle Geimpften wären geschützt, und das über lange Zeit. Wenn das nicht der Fall ist, müsste die Durchimpfung entsprechend höher sein und unter Umständen auf etwa 80 Prozent erhöht werden.

Des einen Freud, des andern Leid: Nicht allen gefällt die Aussicht auf einen baldigen Corona-Impfstoff. 

Des einen Freud, des andern Leid: Nicht allen gefällt die Aussicht auf einen baldigen Corona-Impfstoff.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Impfstoffe wurden im Rekordtempo entwickelt: Sind sie überhaupt sicher?

Auf den ersten Blick mag es so wirken, dass die Entwicklung rasend schnell verlief. Doch Wissenschaftler weltweit forschen bereits seit dem Sars-Ausbruch 2003/04 und der Mers-Epidemie 2012 zu Coronaviren, wie Christine Dahlke, Biologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Impfstoffexpertin, in der ZDF-Sendung «Markus Lanz» erklärt: «Wir kennen Coronaviren und ihre Spike-Proteine (siehe Box) schon lange.» Die Ebola-Epidemie 2014/15 habe dann gezeigt, dass es wichtig sei, Technologien zu entwickeln, um bei weiteren Ausbrüchen schnell reagieren zu können. Entsprechend sei in den letzten Jahren – unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit – die Impfstoffforschung vorangetrieben worden. Als dann die Sequenz von Sars-CoV-2 veröffentlicht wurde, habe man gleich loslegen können.

Auch Moderna forschte in den letzten zwei Jahren gemeinsam mit dem National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) mit Mers-Coronaviren, um für die nächste Pandemie gewappnet zu sein. «Ein Glücksfall», so Spiegel.de, denn «wesentliche Proteinbausteine von Mers und des neuen Sars-CoV-2 ähneln sich».

Spike-Protein

Um in menschliche Zellen eindringen zu können, muss das Coronavirus Sars-CoV-2 mit einem seiner Oberflächenproteine an die Zelloberfläche andocken: dem sogenannten Spike-Protein (rot). Betrachtet man das neuartige Coronavirus, stellen die auch S-Proteine genannten Eiweissstoffe die Zacken bzw. Spitzen der Krone (Corona) dar.

CDC/PD

Welche Gefahr birgt das beschleunigte Zulassungsverfahren?

«Überhaupt keine Bedenken» hat diesbezüglich EKIF-Präsident Berger. Nur das Prozedere sei anders, die Zulassungskriterien seien dieselben. «Grundsätzlich gelten für Impfstoffe die gleichen hohen Zulassungsanforderungen wie für alle anderen Arzneimittel», bestätigt Lukas Jaggi, Sprecher des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic. «Die Arzneimittelsicherheit und die Sicherheit der Empfängerinnen und Empfänger haben höchste Priorität.»

Noch nie zuvor gab es mRNA-Impfstoffe – ist das nicht riskant?

Es wären tatsächlich die ersten ihrer Art. Aber «die Idee stützt sich auf 20 Jahre Grundlagenforschung», erklärt Jaggi. Zudem werde schon lange an der Methode geforscht – zur Vorbeugung viraler oder bakterieller Infektionskrankheiten und für die Behandlung von Krebserkrankungen.

Dennoch befürchten Kritiker, die geimpfte mRNA könnte nicht nur in den Zielzellen wirken. Dieses Risiko schätzen Experten wie der Impfstoffforscher Carlos Guzmán vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig jedoch als gering ein, so die «Berliner Zeitung». Denn anders als bei DNA-Impfstoffen gelangt diese «nicht in den Zellkern und wird relativ schnell abgebaut». Das BAG bezeichnet die Technologie als «rein wissenschaftlich betrachtet gut nachvollziehbar und allenfalls zukunftsweisend».

Auch die konkrete Sorge einiger Impfskeptiker, die mRNA im Impfstoff könnte bei damit geimpften Personen, die an einer anderen Infektion mit einem RNA-Virus leiden, einen Reverse Transkriptase (siehe Box) genannten Prozess in Gang setzen und so Autoimmunerkrankungen auslösen, teilen Experten nicht. Gegenüber MDR Wissen erklärt Guzmáns Kollegin Ulrike Protzer, dass nur sehr wenige Viren das dafür nötige Enzym mitbringen: das HI-, das Hepatitis-B- und das humane T-Zell-Leukämie-Virus. Zudem sei das Enzym vor allem in der Hülle der Virusinformation aktiv. Weil Sars-CoV-2 aber eine sehr lange RNA habe, sei da gar nicht genug Platz für die Umwandlung in DNA.

Reverse Transkriptase

Die Reverse Transkriptase (RT) ist ein Enzym, das RNA in DNA umschreiben kann. Die Reverse Transkriptase wurde zuerst in Retroviren entdeckt. Diese Viren mit RNA-Genom verwenden die RT, um ihr Genom in DNA umzuschreiben. Die RT erfüllt damit eine entscheidende Funktion bei der Vermehrung des Virus. Beschrieben wurde sie erstmals 1970. Für die Entdeckung wurden Howard Temin, David Baltimore und Renato Dulbecco 1975 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.

Und selbst wenn «die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde (was wirklich kaum vorstellbar ist), dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde», zitiert MDR Wissen Forschende des Paul-Ehrlich-Instituts, das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist. Entsprechend wäre in einem solch unwahrscheinlichen Fall keine Autoimmunkrankheit die Folge, sondern die erwünschte Impfwirkung.

EKIF-Präsident Berger benennt noch einen Vorteil der mRNA-Impfstoffe: Man braucht für sie keine Adjuvantien, wirkungsverstärkende Stoffe, die oft in Vakzinen enthalten sind und Impfskeptikern ein besonderer Dorn im Auge sind.

Wer trägt die Kosten einer Covid-19-Impfung?

Das ist noch offen, heisst es vonseiten des BAG: «Die Finanzierungsfrage wird derzeit geklärt. Wir planen, in den kommenden Wochen über die Grundzüge der Impfstrategie zu informieren.» EKIF-Präsident Berger nimmt derweil an, dass es «eine grosszügige Regelung» geben wird.

Welche Nachteile werden Nicht-Geimpfte haben?

Sicher ist nur: Sofern der Herdenschutz noch nicht erreicht ist, können sie sich anstecken. Alles andere steht in den Sternen. Von einer staatlichen Regulierung rät Christoph Berger aber bereits jetzt schon ab. «Das muss die Gesellschaft für sich ausmachen.»

Im Spital- oder Pflegebereich könnte eine Verweigerung der Impfung tatsächlich Folgen haben, sagt Staatsrechtlerin Sprecher gegenüber SRF. Arbeitsrechtlich sei es durchaus möglich, eine Impfpflicht für Mitarbeiter zu verordnen, wenn dies dem Gesundheitsschutz von Personal und Patienten diene. Wer sich dann nicht füge, könnte beruflich versetzt werden, damit er sich und andere nicht gefährde. Aber: «Was nicht geht, ist zum Beispiel, dass ein Unternehmen, das in der Produktion tätig ist, einfach nur aus ökonomischen Gründen eine Impfpflicht anordnet.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Wissen-Push

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.