Bildungskapital: 70'000 Franken für jeden jungen Schweizer?
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Bildungskapital70'000 Franken für jeden jungen Schweizer?

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger fordert einen radikalen Umbau des Bildungssystems: Jeder Schweizer Einwohner soll bis zu 70'000 Franken für die Ausbildung erhalten.

von
daw

Die Idee birgt Zündstoff: Damit die einheimische Bevölkerung gegen die starke Konkurrenz aus der EU bestehen kann, soll die Studienfinanzierung umgekrempelt werden. Statt dass der Staat wie bisher ausgewählte Ausbildungsinstitutionen unterstützt, soll jeder Einwohner der Schweiz bei Erreichen der Volljährigkeit 40'000 bis 70'000 Franken erhalten. Dies fordern Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger und Assistentin Anna Maria Koukal von der Universität Freiburg.

Das sogenannte Bildungskapital stünde jedem Einwohner der Schweiz zu - egal ob er eine Matura gemacht, eine Lehre abgeschlossen oder die Schule abgebrochen hat. «Das Geld kann im ganzen Berufsleben in die Ausbildung investiert werden, etwa in ein Studium an einer Universität oder an einer Fachhochschule», sagt Eichenberger. Im Gegenzug sollen die Studierenden mit höheren Gebühren stärker an den Kosten beteiligt werden.

«Mittel werden nicht mehr verschwendet»

Mit der Personenfreizügigkeit sei die Konkurrenz für die Schweizer Arbeitnehmer grösser geworden, sagt Eichenberger. Deshalb seien hervorragende Qualifikationen immer wichtiger, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Hier böte ein Systemwechsel viele Vorteile:

Förderung von Schweizer Auszubildenden: Bereits rund 25 Prozent der Studierenden an den Schweizer Unis stammen aus dem Ausland. Mit dem Bildungskapital würde das Geld wieder vermehrt bei der hiesigen Bevölkerung ankommen. Gleichzeitig würden anders als bei einseitigen Studiengebührenerhöhungen Ausländer nicht diskriminiert.

Ausbildung im Ausland: Das Geld könnte auch für die Ausbildung im Ausland eingesetzt werden, ohne dass diese ganz aus dem eigenen Sack bezahlt werden müsste. «Heute profitieren Schweizer nur im Inland von staatlicher Unterstützung, obwohl viele ins Ausland gehen wollen», sagt Eichenberger. Dabei sei die Ausbildung im Ausland oft günstiger.

Lebenslanges Lernen: Jeder könnte frei über das Kapital verfügen und sich bis zur Pension weiterbilden. «Unterstützt würden nicht nur Angebote von Hochschulen. Man könnte sich damit auch den Meisterbrief finanzieren», sagt Eichenberger. Wird das Geld nicht benötigt, fliesst es einfach in die Pensionskasse.

Effizienz: «Die Mittel würden nicht mehr verschwendet, sondern effizienter eingesetzt», sagt Eichenberger. Die Bildungsinstitutionen müssten sich vermehrt dem Wettbewerb stellen und Studierende müssten sich überlegen, ob sich ein teures Studium auch lohnt.

Seco: «Idee ist prüfenswert»

Für die Finanzierung wollen die Wissenschaftler nicht die Steuern erhöhen, sondern eine «Schweizerische Bildungsgenossenschaft» gründen, bei der Schweizer und Ausländer, die schon länger in der Schweiz wohnen, Mitglieder sind. Dieser Genossenschaft würde das Tafelsilber der Schweiz einverleibt, etwa Boden- und Immobilienbesitz, die Swisscom oder die Post. Mit deren Erträgen würde das Bildungskapital finanziert.

Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) reagiert man positiv: «Absolut prüfenswert», findet die Idee Eric Scheidegger, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik. Es gehe darum, die schon heute reichlich fliessenden öffentlichen Mittel effizient einzusetzen. «Vorschläge wie jener von Professor Eichenberger zielen darauf ab, dass sich die Jugendlichen und Weiterbildenden aufgrund ihres eigenen Bildungskapitals sehr gut überlegen werden, wie sie es einsetzten», so Scheidegger gegenüber der «Neuen Luzerner Zeitung».

«Verhältnisse wie in den USA»

Nichts von der Forderung hält dagegen der Verband der Schweizer Studierendendenschaften (VSS): «Die Idee ist nicht zu Ende gedacht. In gewissen Studienfächern reichen 70'000 Franken nirgends hin, und am Schluss sind wir bei einem System wie in England oder den USA», sagt Geschäftsleitungsmitglied Dominik Fitze. Bildung sei ein öffentliches Gut. Gerade der Bildungsstandort Schweiz profitiere stark vom wissenschaftlichen Nachwuchs aus dem Ausland.

Tatsächlich gibt es Studiengänge, bei denen 70'000 Franken nicht ausreichen, um die Kosten zu decken. So kostet ein Student der Zahnmedizin laut dem Bundesamt für Statistik rund 42'000 Franken pro Kalenderjahr – ohne Berücksichtigung der Forschung. Billiger als die Naturwissenschaften und die technischen Wissenschaften sind die Geistes- und Sozialwissenschaften: Bei einem Wirtschaftsstudenten kostet die Lehre weniger als 10'000 Franken pro Student und Jahr. Eichenberger betont, dass die Studenten die Kosten nicht vollumfänglich tragen, sondern abhängig vom Nutzen der Studienfächer mehr oder weniger stark beteiligt werden sollen.

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