Abnehmer ging pleite - 740 Tonnen Kälberblut bestellt und nicht abgeholt
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Abnehmer ging pleite740 Tonnen Kälberblut bestellt und nicht abgeholt

Das Serum wird aus den ungeborenen Kälbern geschlachteter trächtiger Kühe entnommen. In der Schweiz werden solche Schlachtungen nicht gern gesehen, darum wird der für die Pharma wichtige Stoff tonnenweise importiert.

von
Steve Last
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Ein für die Pharmaindustrie wichtiger Stoff wird aus ungeborenen Kälbern geschlachteter Kühe gewonnen. (Symbolbild)

Ein für die Pharmaindustrie wichtiger Stoff wird aus ungeborenen Kälbern geschlachteter Kühe gewonnen. (Symbolbild)

Ulrich Perrey/dpa
Das aus dem Blut gewonnene Serum ist reich an Enzymen und Nährstoffen und kommt auch bei der Entwicklung von Impfstoffen zum Einsatz. (Symbolbild)

Das aus dem Blut gewonnene Serum ist reich an Enzymen und Nährstoffen und kommt auch bei der Entwicklung von Impfstoffen zum Einsatz. (Symbolbild)

Sina Schuldt/dpa
Ein Pharmaunternehmen in Birsfelden BL hatte 37 Container mit insgesamt 740 Tonnen des gefrorenen Serums importieren lassen, ging dann aber pleite. Nun sitzt der Importeur auf dem preislich zerfallenden Stoff. (Symbolbild)

Ein Pharmaunternehmen in Birsfelden BL hatte 37 Container mit insgesamt 740 Tonnen des gefrorenen Serums importieren lassen, ging dann aber pleite. Nun sitzt der Importeur auf dem preislich zerfallenden Stoff. (Symbolbild)

REUTERS

Darum gehts

  • Weil ein Baselbieter Pharmaunternehmen pleite ging, sitzt ein holländischer Importeur jetzt auf 740 Tonnen Kälberblut fest.

  • Das Blutserum wird aus ungeborenen Kälbern geschlachteter Muttertiere gewonnen. Die Praxis ist umstritten.

  • Der Stoff ist wichtig für die Pharmaindustrie, muss aber importiert werden.

Was tun, mit 740 Tonnen gefrorenem Kälberblut, das niemand haben will? Diese Frage stellt sich ein holländischer Spediteur, der den Stoff für ein Pharmaunternehmen in Birsfelden BL importieren sollte. Der Abnehmer ging Ende vergangenen Jahres in Konkurs, nun ist die Speditionsfirma auf der Ladung hocken geblieben, wie die «bz» schreibt. Der ursprüngliche Wert von 1,3 Millionen Euro sei inzwischen auf lediglich 35’000 Euro geschrumpft. Selbst die Vernichtung käme doppelt so teuer.

Doch wozu braucht eine Schweizer Firma überhaupt hunderte von Tonnen Kälberblut aus dem Ausland? Laut der «bz» stellte man damit in Birsfelden Solcoseryl her, eine Klebepaste für die Anwendung im Mund. Das aus ungeborenen Kälbern gewonnene Blutserum ist reich an Enzymen und Nährstoffen und wird oft eingesetzt, wo künstlich Kleinorganismen gezüchtet werden, etwa bei der Entwicklung von Impfstoffen.

Umstrittene Praxis

Um an die Substanz zu kommen, braucht man aber zuerst ein ungeborenes Kalb. Dieses wird aus der Gebärmutter entfernt, nachdem das trächtige Muttertier geschlachtet wurde. Weil die Schlachtung trächtiger Kühe in der Schweiz nicht gerne gesehen wird, muss der Stoff importiert werden. Laut dem «New Zealand Herald» wird das Blut mit einer Nadel aus dem Herzen des Fötus entfernt, was rund 300 Milliliter hergebe. Exportiert werde der Liter dann für umgerechnet zirka 1600 Franken aus Neuseeland in die ganze Welt.

Die Schlachtung von trächtigen Kühen und die Entnahme von Blut aus ihren ungeborenen Kälbern wird immer wieder von Tierschützern kritisiert. «Forbes» schreibt, dass es unklar ist, ob die Kälber dabei Schmerzen empfinden. Der «Herald» zitiert einen anonymen Insider, laut dem die Muttertiere leiden, weil sie während der Tragzeit transportiert werden. Zudem wird der Vorwurf geäussert, einige Bauern würden bewusst trächtige Tiere zum Schlachthof fahren, um zusätzlich Geld für das Blut der Kälber zu kassieren. Der neuseeländische Bauernverband dementiert die Anschuldigungen.

Situation in der Schweiz

Bereits 2015 sorgte die Schlachtung trächtiger Kühe in der Schweiz für Aufsehen. Dabei ging es aber nicht um die Gewinnung von Kälberblut. Die Tötung erfolgte offenbar infolge eines Missverständnisses. Zu der Zeit war es aber keine Ausnahme. Eine bereits 2012 vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) an zwei Schlachthöfen durchgeführte Studie zeigte, dass durchaus auch in der Schweiz trächtige Kühe geschlachtet wurden. Auch wussten viele der Bauern gar nicht, dass die abgelieferten Tiere trächtig waren.

Der schweizerische Fleischverband Proviande nahm 2017 die Tierhalter in die Pflicht, wie das Branchenmagazin «Schweizer Bauer» schreibt. So durften trächtige Tiere etwa nur noch «in nicht vermeidbaren Ausnahmesituationen und Notfällen» geschlachtet werden. Ende 2019 zog man Bilanz und stellte weiteren Handlungsbedarf fest. So werde seit dem 1. Januar 2020 eine Gebühr von 100 Franken pro Schlachtung ohne ausreichende Begründung fällig.

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