09.06.2018 10:00

Leser erzählen«80 Prozent arbeiten ist manchmal ein Fluch»

Die 20-Minuten-Leser sind gespalten: Während die einen die Vorteile ihres 80-Prozent-Jobs geniessen, fühlen sich die anderen durch das Teilzeitpensum gestresst.

von
vb
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Eine 20-Minuten-Leserin, die in einem Kleidergeschäft arbeitet, sagt: «80-Prozent-Pensen sind nicht fair.»

Eine 20-Minuten-Leserin, die in einem Kleidergeschäft arbeitet, sagt: «80-Prozent-Pensen sind nicht fair.»

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Sie sieht es ähnlich wie HR-Experte Michel Ganouchi: «80 Prozent zu arbeiten, bedeutet nichts anderes, als ein 100-Prozent-Pensum in vier Arbeitstage pro Woche zu quetschen.»

Sie sieht es ähnlich wie HR-Experte Michel Ganouchi: «80 Prozent zu arbeiten, bedeutet nichts anderes, als ein 100-Prozent-Pensum in vier Arbeitstage pro Woche zu quetschen.»

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Die Lohnreduktion um 20 Prozent sei sozusagen der Preis, den Angestellte bezahlen müssen, um ein gleichbleibendes Pflichtenheft in vier Tagen ausüben zu dürfen – und damit den Job behalten zu können.

Die Lohnreduktion um 20 Prozent sei sozusagen der Preis, den Angestellte bezahlen müssen, um ein gleichbleibendes Pflichtenheft in vier Tagen ausüben zu dürfen – und damit den Job behalten zu können.

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Wer 80 Prozent arbeitet, macht gleich viel wie in einem 100-Prozent-Job, bekommt aber 20 Prozent weniger Lohn. Das ist die These von HR-Experte Michel Ganouchi.

Nicht alle 20-Minuten-Leser sind damit einverstanden. Viele schätzen die Vorteile, die ihr Teilzeitjob mit sich bringt. Andere stimmen dem HR-Experten zu und finden: Die Rechnung geht bei einem 80-Prozent-Pensum nicht auf.

Wir haben die Leser gefragt, wie es in ihrem Teilzeitjob aussieht. Hier sind ihre Geschichten:

«Für die Familie ein Segen, für mich ein Fluch»

«Letzten Herbst habe ich auf 80 Prozent reduziert. Jetzt habe ich jeden Freitag frei – das ist wirklich super! Ausserdem habe ich unterm Strich viel mehr Ferien, da ich häufig keine ganze Woche mehr nehmen muss und trotzdem eine Woche weg bin. Aber es gibt auch Negatives: Meine Arbeitsleistung liegt eher über 100 Prozent. Die vielen Projekte, die ich stemmen muss, erschlagen mich. Dann kommt der Frust am Monatsende, wenn die Lohnabrechnung kommt. Man hat das Gefühl, dass man für den Stress und die Verantwortung nicht richtig entlöhnt wird. Würde ich mich wieder für 80 Prozent entscheiden? Ich weiss es nicht. Für die Familie ist es ein Segen, aber für mich persönlich manchmal ein Fluch.»

Thomas B.

«80-Prozent-Pensen sind nicht fair»

«Ich arbeite seit vielen Jahren im Kleiderdetailhandel. Ich war ziemlich lange zu 80 Prozent angestellt, war aber meistens fünf Tage die Woche anwesend und arbeitete über acht Stunden pro Tag. Jetzt habe ich eine 100-Prozent-Anstellung bekommen und arbeite gleich viel wie vorher. Nur lohntechnisch ist es jetzt natürlich viel besser. Das zeigt mir: 80-Prozent-Pensen sind nicht fair. Denn egal, ob jemand bei uns 30, 50 oder 80 Prozent arbeitet: Es machen immer alle viel zu viele Überstunden.»

Natascha A.

«In den 80 Prozent bringt man 100 Prozent Leistung»

«Ich arbeite zu 80 Prozent als Projektleiter. Das funktioniert aus folgendem Grund gut: Die Arbeitszeiten werden bei meiner Firma erfasst und Überzeit kann ich kompensieren. Es stimmt schon, dass man in den 80 Prozent quasi eine 100-Prozent-Leistung bringt. Ein Grund ist, dass Termine und Sitzungen auf die Tage verschoben werden, an denen man anwesend ist, und der Tag dadurch länger wird. Aus meiner Sicht ist ein 80-Prozent-Pensum eine Win-Win-Situation. Statt an Abenden unter der Woche kann ich mich am freien Tag um Rechnungen etc. kümmern. Ich bin dadurch viel ausgeglichener und denke, auch leistungsfähiger zu sein.»

Anton R.

«Hätte ich schneller kochen und putzen sollen?»

«Ich denke, die Rechnung geht bei 80 Prozent nicht auf. Ich habe Jahrelang 70 oder 80 Prozent in einer Heimküche gearbeitet, an fünf Tagen pro Woche, wohlgemerkt. Das Pensum wurde mir auch mal gekürzt, von 80 auf 70 Prozent. Der Arbeitsaufwand in der Küche blieb aber gleich. Ich fragte mich: Muss ich jetzt die gleiche Arbeit machen, einfach in weniger Stunden? Wie denn? Schneller kochen? Schneller abwaschen? Die Küche schneller putzen? Ich bin froh, muss ich nicht mehr so arbeiten.»

Angela C.

«Nach fünf Jahren konnte ich nicht mehr»

«Auch ich finde, dass man im Teilzeitpensum mehr Stunden arbeitet, als man bezahlt wird. Ich war zu 50 Prozent angestellt. Das lief dann so: Ich war an vollen zwei Tagen von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends im Büro. Am Samstag war ich auch meistens dort. Nach fünf Jahren konnte ich nicht mehr, da wir auch noch zwei Kinder haben. Als ich kündigte, wurde meine Stelle mit 160 Stellenprozent ersetzt. Das sagt ja alles.»

Jolie R.

«Für die Vorteile nehme ich gerne weniger Lohn in Kauf»

«Ich arbeite 90 Prozent. Meine wöchentliche Arbeitszeit beträgt jedoch 40 bis 45 Stunden. Als geschäftsleitendes Mitglied einer Dienstleistungsfirma verfüge ich zudem über keine Überzeitregelung. Mein Pensum ist so aufgeteilt, dass ich jede zweite Woche einen ganzen Tag frei habe. Mir war bei der Vereinbarung des Pensums bewusst, dass sich meine Arbeitsleistung nicht auf 90 Prozent reduzieren würde. Allerdings greift aus meiner Sicht die reine Betrachtung auf Lohn und Pensum zu kurz. Die Tatsache, dass bei mir jedes zweite Wochenende drei Tage hat, ermöglicht mir eine deutlich bessere Gestaltung meiner Freizeit. Ich kann Ausflüge auf einen Wochentag legen oder die Einkäufe unter der Woche erledigen – dann sind die Züge und Läden weniger überfüllt. Ob ich täglich 8 oder 10 Stunden arbeite, spielt eigentlich keine grosse Rolle. Für diese – und diverse weitere – Vorteile nehme ich es gerne in Kauf, dass ich trotz 90-Prozent-Pensum und -Lohn vielleicht weiterhin ein 100-Prozent-Pensum erledige.»

Michael S.

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