Schule: «80 Prozent der Schülerinnen und Schüler kommen zu kurz»

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Schule«80 Prozent der Schülerinnen und Schüler kommen zu kurz»

Eltern und Lehrkräfte kritisieren das «starre Korsett» an der Volksschule. Primarlehrer Nils Landolt hat deshalb seine eigene Schule gegründet.

von
Claudia Blumer
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Eltern und Lehrpersonen beklagen sich, die Schule sei zu starr und zu autoritär. Damit sei sie aus der Zeit gefallen. Zweite Klasse in einem Zürcher Gymnasium. 

Eltern und Lehrpersonen beklagen sich, die Schule sei zu starr und zu autoritär. Damit sei sie aus der Zeit gefallen. Zweite Klasse in einem Zürcher Gymnasium. 

Tamedia
80 Prozent der Schülerinnen und Schüler kämen im heutigen Schulsystem zu kurz, seien entweder unter- oder überfordert, sagt Primarlehrer Nils Landolt.

80 Prozent der Schülerinnen und Schüler kämen im heutigen Schulsystem zu kurz, seien entweder unter- oder überfordert, sagt Primarlehrer Nils Landolt.

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Er hat deshalb aufgehört, an der Volksschule zu unterrichten, und vor einem Jahr seine eigene Schule gegründet.

Er hat deshalb aufgehört, an der Volksschule zu unterrichten, und vor einem Jahr seine eigene Schule gegründet.

Levin Kessler

Darum gehts

Ein Brief der Französischlehrerin an die Eltern am ersten Schultag nach den Ferien: In drei Sätzen kommt zweimal das Wort «Strafe» vor. Die Mutter der Drittklässlerin postet den Brief auf Social Media und kommentiert: «Einfach nur schade. Zum Glück lässt sich unsere Tochter die Freude am Lernen der Fremdsprache nicht nehmen.»

Auf Anfrage von 20 Minuten sagt die Mutter: «Den Schülerinnen und Schülern geht es heute immer noch so wie vor vielen Jahren: Sie müssen still sitzen, sie müssen dann lernen, wenn es die Lehrperson will, sie wissen schon nach wenigen Jahren, worin sie nicht gut sind, und sie wissen nach der obligatorischen Schulzeit vor allem, was sie nicht können.»

Die Mutter bekommt auf ihren Social-Media-Post viel Zuspruch. «Das unterstreicht so ziemlich meinen Eindruck unseres Schulsystems, welchen ich nach dem ersten Schultag meines Sohnes habe», schreibt jemand. Ein anderer kommentiert: «Das ist unterirdisch. Was sagt die Schulleitung dazu?» Und eine Dritte: «Mir sträuben sich die Nackenhaare.»

«Gehorsam, Belohnung und Strafe»

Ein Kritiker des Schulsystems ist auch Primarlehrer Nils Landolt (33). Er betreibt seit einem Jahr seine eigene Privatschule in Mollis GL. Davor hat er zehn Jahre lang an der Volksschule unterrichtet, unter anderem in Männedorf, Adliswil und Rapperswil-Jona.

«Am meisten gestört hat mich, dass das Schulsystem superautoritär ist und klar vorgibt, was zu vermitteln ist. Wenn man es öffnen will, wird man schnell kritisiert. Es gibt keinen Spielraum.» Die Schule sei das «autoritärste System, das wir in der Schweiz haben. Es basiert auf Gehorsam, Belohnung und Strafe», sagt Landolt. Das laufe der neuen Arbeitswelt zuwider: «In der Wirtschaft sind Kreativität und kritisches Denken gefragt – das Gegenteil von Gehorsam.» 80 Prozent der Kinder kämen in der heutigen Schule zu kurz, sagt Landolt. Die einen seien über-, die anderen unterfordert. Seiner Meinung nach ist dies der Grund, warum Lehrpersonen den Beruf verlassen: «Den Lehrern fällt es immer schwerer, das System aufrechtzuerhalten.»

Dass neu auch Lehrkräfte ohne Diplom unterrichten dürfen, erachtet er als «grösste Chance». Es brauche Leute, die für ihre Themen brennten, die sich feinfühlig auf die Kinder einliessen und ihre Begeisterung aus der Arbeitswelt mitbrächten, sagt er.

Schulleiter teilt die Kritik

Jörg Berger, Leiter der Schule Knonau und Geschäftsleitungsmitglied des schweizerischen Verbands der Schulleiterinnen und Schulleiter, teilt die Kritik. Der Gestaltungs-Spielraum der Lehrpersonen habe stark abgenommen, die Schule sei heute durchstrukturiert, der Unterricht klassenübergreifend koordiniert. «Früher hat es jeder Lehrer mit seiner Klasse auf seine Art gemacht. Das ist passé. Heute ist Kooperation angesagt.»

Je grösser ein Betrieb, desto eher müssten Abläufe standardisiert werden, damit es funktioniere, sagt Berger. «Doch das hat zwei Seiten. Die Organisation macht den Schulbetrieb erst führbar. Andererseits stellt sich die Frage: Ist es überhaupt möglich, etwas zu verändern?» Es brauche auch unter Lehrkräften Pioniere und «Pilot-Typen», die Mut und Ausdauer hätten, neue Wege zu gehen. «Diese Leute gibt es zum Glück überall, und ich sage immer: Geht, macht, probiert es aus und berichtet uns davon», sagt Jörg Berger.

«Mehr Mitsprache als früher»

Bildungsforscher Stefan Wolter von der Universität Bern sieht es anders. «Ich höre eher die gegenteilige Klage: dass Lehrpersonen keine Autorität mehr geniessen und von allen Seiten unter Beschuss sind.» Tatsächlich hätten Eltern und Schüler heute deutlich mehr Mitsprache als noch vor ein paar Jahrzehnten und seien auch viel besser informiert und gebildet.

Derzeit werde ein Problem an der Volksschule hochgekocht, das es so nicht gebe, sagt er. «Die Lehrpersonen, welche aussteigen, sind nicht so ein Problem. Es gibt jetzt einfach ein paar Exponenten, die das nutzen, um ihren Frust loszulassen.» Lehrpersonen hätten übrigens eine überdurchschnittlich lange Verweildauer im Beruf, verglichen mit anderen Berufen.

Auch Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerverbands, versteht den Vorwurf nicht. «Ich kann das nicht nachvollziehen.» Er empfinde das System nicht als autoritär. Im Gegenteil. Partizipation sei wichtig und werde immer wichtiger. «Natürlich werden gewisse Dinge wie das Notensystem immer wieder kritisiert, und eine bessere Lösung wird immer noch gesucht.»  

Ist die Volksschule zu starr und zu autoritär?


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