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80 Soldaten der Bundeswehr liessen sich misshandeln

Bundeswehr und Staatsanwaltschaft haben sich verwundert darüber geäussert, dass die Soldaten Misshandlungen während ihrer Ausbildung in Coesfeld offenbar widerspruchslos hingenommen haben.

Die Staatsanwaltschaft Münster erklärte am Dienstag, die Ermittlungen gegen einen Hauptmann und 20 Unteroffiziere dürften sich noch einige Zeit hinziehen. Angaben aus dem Bundeswehrverband, dass fünf Unteroffiziere an den Misshandlungen beteiligt waren, wollte die Ermittlungsbehörde nicht bestätigen.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass in Coesfeld zwischen Juni und September Rekruten bei nächtlichen Geiselnahme-Übungen unter anderem mit Einflössen von Wasser in den Hals und in einem Fall mit Schwachstrom gequält worden sein sollen. Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt nach den Angaben ihres Sprechers Wolfgang Schweer wegen des Verdachts der Misshandlung und der entwürdigenden Behandlung Untergebener, der Freiheitsberaubung und der Körperverletzung.

Der Kommandeur des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr, Robert Bergmann, sagte im Deutschlandfunk, es beschäftige ihn sehr, «dass hier ein grosser Teil der Rekruten nicht von dem Recht der Beschwerde oder der Eingabe Gebrauch gemacht hat». Wenn nur einer beim Wehrbeauftragten angerufen hätte oder sich an seinen Kommandeur gewandt hätte, «hätten sofort alle Alarmglocken geklingelt».

Es könne sein, dass die Soldaten eingeschüchtert gewesen seien, meinte Bergmann. Er glaube aber eher, «dass viele es einfach hingenommen haben, ohne sich dessen vielleicht wirklich bewusst zu sein, wie schwerwiegend das ist, was man da mit ihnen gemacht hat». Ein Grund könnten Fernsehsendungen sein, «wo Dinge gezeigt werden, die als selbstverständlich hingenommen werden, die ich auch nicht dulden würde.» Er verwies auf Shows, in denen sich Menschen im Urwald mit Maden beschütten liessen und Ähnliches. Hier werden Wertevorstellungen durcheinander gebracht bei jungen Menschen», sagte Bergmann.

Der für die Innere Führung verantwortliche Brigadegeneral forderte mehr Aufmerksamkeit bei der Dienstaufsicht und mehr Sensibilität bei den Vorgesetzten. Die Bundeswehr müsse den Soldaten in der Ausbildung auch noch besser klar machen, «dass auch ihr Gehorsam kein Kadavergehorsam ist, sondern dass sie solche Befehle, die gegen die Menschenwürde verstossen, überhaupt nicht ausführen müssen».

Möglicherweise fünf Haupttäter

Nach Angaben des Bundeswehrverbands sollen fünf Unteroffiziere direkt an den Misshandlungen beteiligt gewesen sein. Verbandschef Bernhard Gertz sagte der «Berliner Zeitung» (Dienstagausgabe), dies habe er bei Gesprächen mit Angehörigen der Ausbildungseinheit erfahren. Gertz forderte, die Motive der beteiligten Soldaten zu erforschen. Es müsse klar werden, warum die Soldaten keinen Alarm geschlagen hätten. «Das widerspricht allem, um das es bei der inneren Führung geht», sagte der Verbandschef. «Dieser Ausreisser ist besonders unangenehm, weil er das Bild der Bundeswehr verdunkelt.»

Oberstaatsanwalt Schweer erklärte, er könne sich noch nicht auf Haupt- oder Nebentäter festlegen. «Über unterschiedliche Qualitäten der Tatbeteiligung ist uns zur Zeit noch gar nichts bekannt», sagte er. Dass die Rekruten so lange geschwiegen hätten, nannte Schweer unbegreiflich. «Das ist ein Phänomen, dem wir nachgehen werden.» Dass die Ermittlungen noch einige Zeit dauern werden, begründete er auch damit, dass die Soldaten nach ihrer Grundausbildung inzwischen auf mehrere andere Standorte verteilt seien. (dapd)

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