Aktualisiert 16.03.2011 23:17

Interview«84 Sekunden reichen für einen Song»

The Vaccines aus London hassen Songs, die ewig dauern. Für etwas gibts ja auch die Repeat-Funktion, nicht wahr?

von
Marc-André Capeder
«An Konzerten tragen wir alle die gleichen Schuhe»: Drummer Pete (2. v. l.) mit seinen Kumpels. (PR)

«An Konzerten tragen wir alle die gleichen Schuhe»: Drummer Pete (2. v. l.) mit seinen Kumpels. (PR)

London, vor einem Club: 300 Leute kommen rein, 200 müssen draussen bleiben. So sah es aus, als The Vaccines dort vergangenen Oktober ein Konzert gaben. Dabei hatte die Band noch nicht mal eine offi­zielle Single am Start. Bloss eine Demo­version ihres Songs «If You Wanna» auf Youtube – und tonnenweise Vorschusslorbeeren der englischen Presse, die die Jungs aus London als die grösste Hoffnung der britischen Gitarren­musik hypt.

Pete, wie ist es, von allen geliebt zu werden?

Pete Robertson: Es gibt Leute, die uns hassen. Wir waren in allen Musikmagazinen, haben aber noch gar nichts geleistet. Das nervt viele.

Fühlt ihr euch unter Druck?

Und wie! Weisst du, wie peinlich es wäre, wenn die Leute unser Album nach all den Lobeshymnen scheisse fänden? Da würden wir schnell von der Bildfläche verschwinden. Einige würden sich darüber bestimmt freuen.

Wie meinst du das?

Na ja, der Neid in der Musikbranche ist gross.

Wer könnte euch den Erfolg missgönnen?

Da gibts einige Bands und sogar Medien in England, die sich ins Fäustchen lachen würden, wenn wir auf die Nase fielen.

Zum Beispiel?

Wenn ich jetzt Namen nenne, heimse ich mir eine Menge Troubles ein.

Warum gabs vergangenes Jahr fast keine Indiemusik aus England?

Ich glaube, England hat an einer Überdosis Gitarrenmusik gelitten. Es gab schlicht zu viele Bands. Darum war 2010 das Jahr der Popmusik. 2011 kommen die Rock'n'Roller zurück. Der perfekte Zeitpunkt, um unser Album rauszubringen.

Eure Single «Wreckin Bar» ist nur 84 Sekunden lang.

Wir hassen Songs, die ewig dauern. In diesen 84 Sekunden haben wir alles gesagt, was wir wollten. Warum also einen Song unnötig in die Länge ziehen?

Eure Lyrics sind auch eher – nennen wir es mal unkom­pliziert.

Wir sagen immer, jeder Schuljunge könnte unsere Songs spielen. Natürlich nicht so gut wie wir. Die Leute sollen sofort wissen, wovon wir singen, und den Song nicht erst 100-mal hören müssen, bevor sie den Inhalt verstehen.

Wird man zum Narzissten, wenn man

so gehypt wird wie ihr?

Ein bisschen bestimmt. Es ist ein krasser Ego-Booster. Wir mussten aufpassen, nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Wir haben uns selbst ein Google-Verbot auferlegt.

Eine sinnvolle Massnahme?

Oh ja. Wir hatten Stunden verbracht, uns selbst zu googeln, statt an Songs zu arbeiten oder zu proben. Es war wie eine Sucht.

Der Gig in London war bestimmt auch gut fürs Ego.

Es war unbeschreiblich. Wir haben niemals mit so vielen Leuten gerechnet. Der Club war zum Bersten voll. Wir mussten über die Bar auf die Bühne kraxeln.

War es euer bester Gig?

Definitiv nicht. Als wir die vielen Leute gesehen haben, wurden wir so nervös, dass wir einige Songs verhauen haben.

Habt ihr ein Ritual, bevor ihr raus auf die Bühne geht?

Jeder trinkt einen Wodka­­shot. Und wir tragen bei Konzerten alle die gleichen Schuhe.

Wieso das denn?

Es verbindet uns und zeigt unseren Zusammenhalt. Wir sind auch alle ein bisschen abergläubisch. Tragen wir verschiedene Schuhe, spielen wir schlechter. Wir habens ausprobiert.

Habt ihr einen Lieblingsschuh?

Die Mokassins von Tod's.

Hey ho, let’s go!

50s-Rock’n’Roll mit Punk, der an die Ramones erinnert, und treffsichere Texte, die sich erst noch leicht mitsingen lassen. The Vaccines aus London verstehen es blendend, das verwöhnte Indiepublikum mitzureissen.

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