9-facher Babymord hätte verhindert werden können
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9-facher Babymord hätte verhindert werden können

Im Fall der neun toten Babys aus Brandenburg sind offenbar nicht alle Schwangerschaften der wegen achtfachen Totschlags angeklagten Mutter Sabine H. unbemerkt geblieben.

Eine Schwester sagte am Dienstag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder), vor 10 bis 15 Jahren habe sie vermutet, dass Sabine ein Kind erwarte. Darüber sei auch in der Familie gesprochen worden. Auf eine entsprechende Frage habe Sabine jedoch geantwortet: «Nein, um Gottes Willen.» Dies hätten die Angehörigen geglaubt.

Jutta J. erklärte weiter, sie habe sich auch mit ihrer Mutter und ihrer anderen Schwester Christine J. über die Vermutung unterhalten, weil Sabine damals deutlich zugenommen habe. Den damaligen Ehemann der Angeklagten, Oliver H., hat nach Aussage der Zeugin aber niemand dazu angesprochen. Die zweite Schwester berief sich vor Gericht auf ihr Aussageverweigerungsrecht.

Der Sohn von Jutta J. bestätigte, dass eine mögliche Schwangerschaft von Sabine H. vor Jahren Thema in der Familie war. «Wir haben sie darauf angesprochen, aber da hat sie ziemlich ablehnend darauf reagiert und gesagt: 'Ich habe schon drei Kinder'», berichtete Frank K. Der 28-Jährige verwies allerdings darauf, dass er damals noch sehr jung gewesen sei. Später sei darüber nie wieder gesprochen worden.

Der Zeuge und der Freund einer der Schwestern von Sabine H. schilderten auch, wie sie hinter dem Elternhaus in Brieskow-Finkenheerd nahe Frankfurt (Oder) Ende Juli 2005 über zwei Tage lang die Überreste der toten Babys fanden. Sie hätten zwischen zwei Garagen auf dem Grundstück aufräumen wollen und deshalb die Erde aus dem seit zwei Jahren dort abgestellten Aquarium von Sabine H. geschüttet. Dabei sei zunächst eine Plastiktüte zum Vorschein gekommen, berichtete Frank K. «Und da kamen lauter kleine Knochen raus.»

Babyschädel in Tasche vergraben

Götz W. schilderte, dass danach zunächst «der Familienrat» getagt habe. Erst am kommenden Tag hätten K. und er weitergesucht und in ebenfalls mit Erde gefüllten und als Blumenkästen benutzten Malereimern sowie einer Babywanne die restlichen Leichenteile entdeckt. In der Wanne sei eine Tasche vergraben gewesen. «Ich habe die Tasche geöffnet und dachte erst, da sei eine Kokosnuss drin», sagte der 52-jährige Freund einer der Schwestern. Es war aber ein Babyschädel. Daraufhin alarmierte die Familie die Kriminalpolizei.

Jutta J. zufolge standen die Behälter früher auf dem Balkon der Wohnung von Sabine H., waren aber nach einer Zwangsräumung auf das elterliche Grundstück gekommen. Obwohl nur noch Unkraut darin wucherte, habe Sabine gefordert: «Kippt das nicht aus, ich hole da noch etwas heraus'», berichtete die Schwester. Sie habe erklärt, dies seien Blumenknollen.

Ansonsten schilderten alle Zeugen die Angeklagte als liebevolle Mutter ihrer vier lebenden Kinder. Allerdings habe sie oft getrunken und unter Alkohol aggressiv reagiert.

Sabine H. ist wegen achtfachen Totschlags durch Unterlassen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, zwischen 1992 und 1998 acht Neugeborene nicht versorgt und damit deren Tod verursacht zu haben. Die erste Tötung eines Neugeborenen 1988 ist nach DDR-Recht verjährt. Sabine H. selbst hat vor Gericht bisher die Aussage verweigert. Am Mittwoch soll der Prozess fortgesetzt werden, der vergangenen Donnerstag begonnen hatte. (dapd)

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