Aktualisiert 07.08.2011 22:10

Verrückte Asiaten

9 Tage Schlange stehen für eine Comicfigur

Wenn in Hongkong Comic- und Game-Messe ist, steht die Stadt Kopf. Die ersten Besucher waren schon neun Tage vor der Eröffnung da. Viele wurden fürs Anstehen bezahlt.

von
Felix Burch, Hongkong

Stilletos, Strümpfe, kurze Röckchen, bunte Oberteile, farbige Linsen, viel Schminke, Nagellack, Perücken. Dies sind die Kleidungsstücke und Accessoires, die an diesem Dienstagnachmittag im Convention and Exhebition Centre Hongkongs dominieren. Getragen werden sie von überwiegend jungen Frauen. Die Teenagerinnen sind für die Animation-Comic-Game-Messe in die Rollen ihrer Lieblingscomicfiguren geschlüpft und spielen diese in der riesigen Halle überzeugend. Einige werden von einer ganzen Entourage begleitet, die ihnen die Haare zurechtlegt, Schminke nachzieht, die Kostüme ordnet. Gekonnt gehen die Selbstdarstellerinnen ein Stück, stoppen, werfen sich in Pose und warten.

Innerhalb weniger Sekunden sind sie umringt von Besuchern. Mit Kameras bewaffnet drängeln diese in die vorderste Reihe und knipsen wie wild drauflos. Die Verkleideten mimen Kämpferinnen, Engel und ähnliche Figuren aus Comics und Games. Sie verhalten sich so wie ihre surrealen Heldinnen. Jede Bewegung, jeder Blick ist einstudiert. Haben sie genug, brechen sie das Posieren ab und stolzieren weiter. Irgendwann stellen sie sich wieder hin und das Spiel beginnt von vorne. Zurück lassen sie jedes Mal hauptsächlich männliche Hobbyfotografen, die auf ihre Displays starren.

Junge Lolitas in aufreizenden Kostümen

Dass sich die Männer in dieser Art auf die überwiegend aufreizend angezogenen Lolitas stürzen, wirkt bizarr. Umso mehr, weil eine grosse Anzahl «Frauen» minderjährig sein dürfte.

Allerdings gibt es auch junge Männer, die die Blicke auf sich ziehen. Mit Schwertern und Schildern ausgerüstet, verkleidet als Figuren aus asiatischen Games und Comics, posieren sie im selben Stile wie die weiblichen Selbstdarstellerinnen.

Die Branche macht ein riesiges Geschäft

Egal ob verkleidet oder nicht: verrückt nach Games, nach Figuren und nach Comics sind sie alle in Hongkong. Die mächtigen Firmen der Branche sind deshalb präsent und bieten ihre neuesten Produkte an. Vor den Verkaufsständen bilden sich lange Warteschlangen.

Eine Warteschlange gab es bereits neun Tage bevor die Messe ihre Tore öffnete. Fast alle, die sich so früh anstellten, taten dies wegen seltenen und limitierten Comicfiguren. Für solche werden horrende Preise bezahlt und deshalb standen viele im Auftrag von Spekulanten an. Diese bezahlen den Schlangenstehern mehr als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn von ungefähr drei Franken pro Stunde. Ihre Auslagen machen die «Investoren» im Nu wett. In China können sie die Comicfiguren für mindestens das Doppelte von dem, was sie an der Messe kosten, weiterverkaufen. Batman- und Iron-Man-2-Figuren gab es am Tag eins der Ani-Com für rund 150 Franken, danach wurden sie im Internet für 300 und 700 Franken angeboten.

Gegen Spekulanten machtlos

Die 1800 ausgestellten Figuren der Firma Hot Toys waren innerhalb der ersten zweieinhalb Stunden weg. Ein Sprecher von Hot Toys sagte danach, er sei unglücklich über die Spekulationsgeschäfte, es könne aber fast nichts dagegen unternommen werden.

Auch der Messeleitung sind die Hände gebunden. Ein Pressesprecher räumt ein, man habe beobachtet, wie Leute in der Warteschlange bezahlt worden seien, solange sich die Wartenden an die Regel hielten, könne jedoch niemand ausgeschlossen werden.

Gegen 700 000 Besucher in fünf Tagen

Mittlerweile ist es Dienstagabend. Es ist der fünfte und letzte Messetag und noch immer stehen sich die Massen rund um die Verkaufsstände die Beine in den Bauch. Gegen 700 000 Besucher strömten laut ersten Schätzungen an die Animation-Comic-Game 2011.

Wie viel Umsatz die einzelnen Firmen gemacht haben, ist noch nicht bekannt. Allerdings gibt es kaum jemanden, der das Gelände nicht mit zwei voll gestopften Plastiksäcken verlässt. In der U-Bahn holen die Comic-Fans ihr Ersteigertes aus den Tüten und probieren es sofort aus. Einige gamen im Stehen. Die, die sitzen, sind eingenickt.

Gratis-Umarmung vom Porno-Star

Definitiv in Überzahl waren die Herren der Schöpfung am Stand der Gameone Group. Die Firma hat den japanischen Porno-Star Maria Ozawa eingeflogen. Für eineinhalb Stunden umarmte sie Besucher. Ein Manager von Gameone erklärte gegenüber der «South China Morning Post», man ziele mit der Aktion auf über 18-Jährige, allerdings seien auch viele Jüngere gekommen. So oder so, die Gratis-Umarmung helfe den Jugendlichen ihre sozialen Kontakte zu erweitern, indem sie Freundschaften knüpften mit anderen Anwesenden. Der 16-Jährige Lok war einer dieser Unter-18-Jährigen. Strahlend erzählte er dem Blatt, die Umarmung mit Ozawa sei sein erster näherer Kontakt mit einer Frau gewesen.

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