U2: 90 000 beim Tourauftakt in Barcelona
Aktualisiert

U290 000 beim Tourauftakt in Barcelona

Die irische Rockband U2 hat bei ihrem Welttourneeauftakt in Barcelona das Stadion Camp Nou erbeben lassen. 90 000 Fans verfolgten die Show der Iren auf einer Raumschiffbühne, die neue Massstäbe beim Bühnenbild, in der Video- und in der Tontechnik setzt.

von
Uwe Käding

Eine ausgeklügelte Show auf einer gigantischen, an ein UFO erinnernden Bühne riss am Dienstagabend mehr als 90.000 Fans mit. Bono & Co spielten mehr als zwei Stunden lang viele Klassiker von «Pride» über «I Still Haven't Found What I'm Looking For» bis hin zu sechs Liedern von ihrem aktuellen Album «No Line On The Horizon». Das ursprünglich für Blues-Königin Billie Holiday geschriebene «Angel Of Harlem» widmete Bono dem verstorbenen «King of Pop» Michael Jackson.

Live-Schaltung zur ISS

Zwischendurch gab es eine Live-Schaltung zur Internationalen Raumstation ISS, eine Massenkundgebung für die burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi und eine Predigt von Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. Wegen der grossen Nachfrage in der katalanischen Metropole spielen U2 am 2. Juli ein weiteres Konzert in Camp Nou. Während viele Stationen der Europa-Tournee ausverkauft sind, gibt es für die deutschen Stationen Berlin (18.07.) und Gelsenkirchen (03.08.) noch Karten, wie der offiziellen U2-Webseite zu entnehmen ist. In die Schweiz kommt die Gruppe leider nicht.

Die Tour heisst technisch nüchtern «360 Grad», weil das wie auf vier riesigen Spinnenbeinen auf das Fussballspielfeld gestellte Konstrukt von überall den Blick auf die runde Bühne ermöglicht. Videowand und Lautsprecher sind in dem «Raumschiffkörper» in luftiger Höhe untergebracht, die technische Qualität von Bild und Sound setzt wieder einmal Massstäbe. Um die Bühne ist noch einmal ein runder Laufsteg gezogen, der mit zwei beweglichen Brücken für Bono, Gitarrist The Edge, Bassist Adam Clayton und Schlagzeuger Larry Mullen erreichbar ist. Ja, auch Mullen verlässt bei einem Lied, «I Go Crazy If I Don't Get Crazy Tonight», einmal sein Schlagzeug, um mit einer afrikanischen Trommel seine Ehrenrunde zu drehen.

Barcelona ist für Bono die «Hauptstadt des Symbolismus»

«Breathe» eröffnet das Konzert, und die Zeile «Sing your heart out» ist das Motto des Abends - für Bono und das textsichere Publikum gleichermassen. Der Welttourneeauftakt war ein internationales Ereignis: Nicht nur Fans aus Spanien, sondern aus vielen anderen Ländern waren nach Barcelona gekommen - die Stadt, die Bono als «Hauptstadt des Symbolismus» würdigte. «No Line On The Horizon» war ja bereits die Ausdehnung ins Unendliche, mit dem Bühnenraumschiff haben U2 dafür nun ein Symbol gefunden. Zum Nachdenken bringen, Aufrütteln mit dem derben «Get On Your Boots» und das Stadion mit «Vertigo» erbeben lassen - U2 brillierten mit einem druckvollen Programm, das kaum Zeit zum Atemholen liess. «I was born to sing for you» heisst es im neuen Song «Magnificent» - und Bono beweist das mit jedem Lied, das er an diesem Abend anstimmt.

Für Michael Jackson: U2 singen am 30. Juni in Barcelona «Angel of Harlem». Quelle: YouTube

Musikalische Höhepunkte gab es bei diesem Auftakt viele, das Quartett harmoniert auf höchstem Niveau, kommt aber ausgerechnet bei der Power-Ballade «One» aus dem Tritt. «Stop it», ruft Bono und zählt neu ein: 1,2,3,4 - Verse!» Ein Zeichen der Fehlbarkeit in mehr als zwei Stunden Hochleistungs-Rock. Clayton hat am Bass längst seinen eigenen Stil definiert, der mit vielen Varianten das waghalsige Gitarrenspiel von The Edge absichert, ergänzt, weitertreibt. Mullen ist dagegen ein Schlagzeug-Stoiker, der ruhende Pol. Mit ihrer Vielseitigkeit sichern die drei Bonos Gesang ab, der an Intensität mit den Jahren eher noch hinzugewonnen hat.

Snow Patrol «eingeschüchtert und fasziniert»

Eine Plauderei mit der ISS-Besatzung («Ist die Erde wirklich rund?» - «Das ist ein Geheimnis!») gehörte zum Entertainment-Programm. Politisch wurde es beim Lied «Walk On», bei dem sich viele Zuschauer von der U2-Webseite ausgedruckte Suu-Kyi-Masken vors Gesicht hielten. Das war als Zeichen der Solidarität geplant und soll Bestandteil aller 360-Grad-Konzerte werden. Und danach hielt der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu vor der ersten Zugabe auf der Videowand eine Predigt - für die Hilfsinitiative One.org, der es gelungen sei, mit Medikamenten 3,4 Millionen Menschen vor Aids und Malaria zu retten. Ein symbolhafter Brückenschlag von Afrika nach Asien war das auch noch: Dramaturgie und Ablauf lassen den Willen erkennen, Suu Kyi eine internationale Unterstützung wie seinerzeit Nelson Mandela zu verschaffen.

Seit 22 Jahren sind U2 eine der grössten Rockbands der Welt. Mit der neuen Welttournee erheben sie den Anspruch, die grösste zu sein - auch wenn das Konzert in Barcelona fast demütig mit «Moment Of Surrender» endete. «360 Grad» ist eine neue Dimension von Rockkonzerten - musikalisch, video- und klangtechnisch. Die Band gibt sich mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden und ist in Barcelona mit ihrem «Spaceship» schlicht abgehoben in Sphären, in denen der Horizont unbegrenzt ist.

Als Vorgruppe traten in Barcelona Snow Patrol auf. Die britische Band hatte mit «Chasing Cars» einen Hit. Sänger Gary Lightbody zeigte sich von der U2-Megabühne «eingeschüchtert, aber auch fasziniert». Es sei für Snow Patrol «eine Ehre, für die grösste Rockband der Welt zu eröffnen».

Bono in einem Interview im Camp Nou vor dem Konzert. Quelle: YouTube.

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