Nordkoreas Live-Erfahrung: 90 Minuten Demokratie
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Nordkoreas Live-Erfahrung90 Minuten Demokratie

Es war ein denkwürdiges Spiel: Erstmals übertrug Nordkorea ein Spiel live im TV. Nach dem 4:0 schwieg der Kommentator. Jetzt gibt es Gerüchte, dass die Spieler ins Arbeitslager versetzt werden.

von
meg

Die Leistung der Nordkoreaner gegen Brasilien sorgte weltweit für Anerkennung. Gegen Portugal wollten die Kicker ihre Leistung bestätigen. Einige träumten vielleicht tatsächlich davon, Revanche zu nehmen für die Niederlage an der WM 1966. Damals verlor Nordkorea 3:5 – es war das letzte WM-Spiel bis 2010. Erstmals in der Geschichte wurde in dem abgeschotteten Land ein Spiel live am Fernsehen übertragen.

Bekanntlich kam alles anders. Nach 29 Minuten eröffnete Meireles das Skore. Es war der erste Schock - insbesondere für den TV-Kommentator. «Unsere Abwehr hat ihn nicht so unerwartet von hinten kommen sehen», stammelte der Reporter gemäss der «Financial Times». «Sie sollten vorsichtiger sein, was da von hinten kommt.» Nach dem 4:0 verstummte der Kommentator dann vollends. Er schwieg die letzten dreissig Minuten des Spiels eisern. Mit dem Abpfiff wurde noch vermeldet: «Die Portugiesen haben gewonnen und jetzt vier Punkte. Wir beenden die Live-Übertragung.» Dann wurden Fabrikarbeiter gezeigt, die den Diktator Kim Jong-il lobten.

Beim Volk entschuldigt

Der Trainer der Nordkoreaner, Kim-Jong Hun, erklärte nach der 0:7-Klatsche: «Wir haben unser Ziel verfehlt. Dafür entschuldige ich mich bei unserem Volk.»

Kim-Jong Hun war nicht der einzige, der sich zum Spiel äusserte. Exil-Nordkoreaner verkündeten in der Presse, dass die Spieler nach der Schmach Schlimmes zu befürchten hätten, sobald sie zurück in der Heimat sind. Moon Ki-nam, ein ehemaliger nordkoreanischer Trainer sagte der Agentur AP, eine schlechte Leistung im Ausland bedeute für die Spieler eine Bestrafung nach der Rückkehr. Die Spieler müssten gar fürchten, zur Arbeit in Kohlebergwerken versetzt zu werden. Ähnlich äusserten sich Exil-Nordkoreaner in der Presse.

«Es wird gar nichts passieren»

Der Schweizer Karl Messerli hält dies allerdings für ein übles Gerücht. «Das sind Märchen», sagt er zu 20 Minuten Online. «Es wird gar nichts passieren.» Spielerberater Messerli vermittelt nordkoreanische Spieler nach Europa und ist dem Team während der WM-Vorbereitung beigestanden. «Die Spieler müssen sich schon in wenigen Wochen für den Asien-Cup vorbereiten. Da kann man sie nicht einfach in die Kohlegrube schicken.»

Für die nordkoreanische Nationalmannschaft sei die WM eine Standortbestimmung gewesen. «Für die Spieler ist die WM ein Schaufenster. Sie können sich der Öffentlichkeit präsentieren.» Laut Messerli ist dies geglückt. «Ich habe Anfragen von Vereinen aus England, Deutschland, Italien und Slowenien.» Konkret sei aber noch nichts.

Unklar ist auch, ob das letzte Spiel der Nordkoreaner noch einmal live im TV übertragen wird.

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