Unvergessene WM-Momente: 90 Minuten Klassenkampf
Aktualisiert

Unvergessene WM-Momente90 Minuten Klassenkampf

Die Weltmeisterschaft 1974 in der BRD führte zum einzigen A-Länderspiel zwischen den beiden deutschen Staaten. Es brachte einen unerwarteten Volkshelden hervor.

von
Peter Blunschi

Jürgen Sparwassers goldenes Tor. (Video: YouTube)

Zwei Jahre zuvor an der Europameisterschaft hatte die Mannschaft aus Deutschland-West mit Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller die Fans mit grossartigem Kombinationsfussball begeistert. An der WM 1974 im eigenen Land trat sie als grosser Favorit an. Doch von Anfang an gab es Zoff im Starensemble, das in der spartanischen Sportschule Malente in Schleswig-Holstein kaserniert war. Man zankte um Prämien, der führungsschwache Bundestrainer Helmut Schön wirkte überfordert.

Der Start ins Turnier gelang mehr schlecht als recht. Dann kam das letzte Vorrundenspiel am 22. Juni in Hamburg. Das Los hatte es gewollt, dass man ausgerechnet auf die «feindlichen Brüder» aus dem Osten traf – es sollte das erste und einzige A-Länderspiel zwischen BRD und DDR bleiben. Von «90 Minuten Klassenkampf» war die Rede, doch es entwickelte sich eine fade Partie. Die beiden Teams neutralisierten sich gegenseitig, auch die Einwechslung Netzers in der 69. Minute – sein einziger Einsatz an der Heim-WM – bewirkte nichts.

Die «Nacht von Malente»

Dann kam die 77. Minute: Jürgen Sparwasser vom 1. FC Magdeburg spurtete rechts an Höttges und Vogts vorbei und bezwang Sepp Maier zum 1:0. Dabei blieb es, die nie erwartete Sensation war perfekt. Der Arbeiter- und Bauernstaat hatte gesiegt. Auf den Rängen jubelten einige hundert linientreue Fans, denen die Reise in den Westen erlaubt worden war. Im Westen war man konsterniert: «So nicht, Herr Schön!», titelte «Bild am Sonntag». Die konservative Springer-Presse hatte die «DDR» noch immer nicht als eigenständigen Staat anerkannt.

Es folgte die «Nacht von Malente», in der die Fetzen flogen. Kapitän Franz Beckenbauer riss die Initiative an sich. Die Mannschaft wurde umgekrempelt, einzelne Spieler – darunter Uli Hoeness – auf die Bank verbannt, andere ins Team geholt. Nachträglich erwies sich die Schmach gegen den «Klassenfeind» jedoch als Glücksfall. Die BRD kam in die leichtere Zwischenrundengruppe mit Jugoslawien, Polen und Schweden und erreichte den Final, während sich die DDR an den «Giganten» Brasilien und Holland die Zähne ausbiss.

Sparwassers Tor für die Ewigkeit

Am Ende holte das Westteam gegen die Holländer den Titel. «Ohne die Niederlage gegen die DDR wären wir nicht Weltmeister geworden», bilanzierte Beckenbauer. Für die DDR war es die einzige Teilnahme an einer Welt- oder Europameisterschaft. Jürgen Sparwasser blieb ein Volksheld, zumindest bis zu seiner Flucht in den Westen 1988. Sein Tor gegen die BRD wird auf ewig mit seinem Namen in Verbindung bleiben, oder wie er selber sagte: «Wenn auf meinem Grabstein eines Tages nur 'Hamburg 74' steht, weiss jeder, wer darunter liegt.»

20 Minuten Online ruft in der Serie «Unvergessene WM-Momente» bis zum Ende der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika täglich ein spektakuläres Ereignis vergangener Turniere in Erinnerung.

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