Bericht des Bundes: 93 Prozent der jungen Schweizer wollen Kinder
Aktualisiert

Bericht des Bundes93 Prozent der jungen Schweizer wollen Kinder

Die Schweizer zwischen 20 und 30 haben einen ausgeprägten Kinderwunsch. Da die Karriere aber nicht leiden soll, werden die Grosseltern zunehmend zu Babysittern.

von
J. Büchi
Zwei Kinder: So sieht für die meisten jungen Leute die ideale Familie aus.

Zwei Kinder: So sieht für die meisten jungen Leute die ideale Familie aus.

Junge Businessfrauen und -männer, die nur ihre Karriere im Kopf haben und getrost auf eigene Kinder verzichten können? Von ihnen gibt es in der Schweiz nur sehr wenige, wie eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Bundesamts für Statistik zeigt. In der Erhebung gab der überwiegende Teil der 20- bis 29-Jährigen an, einmal eine Familie haben zu wollen. Nur 6,1 Prozent der Frauen und 7,8 Prozent der Männer wünschen sich keine Kinder.

Anzahl gewünschter Kinder: Männer und Frauen. Quelle: BfS – EFG 2013

Fast zwei Drittel der jungen Schweizer und Schweizerinnen träumen von einer klassischen Familie mit zwei Kindern. Weitere 28 Prozent wollen sogar drei oder mehr Kinder. Ein Einzelkind wünschen sich weniger als zwei Prozent. Der Kinderwunsch ist dabei bei Uni-Absolventinnen genauso ausgeprägt wie bei Leuten mit tiefer Bildung. Psychologie-Professorin Pasqualina Perrig-Chiello, die auf das Thema spezialisiert ist, überrascht das nicht: «Der Wunsch nach Nähe und Familie steckt tief im Menschen drin. In einer Gesellschaft, die so unverbindlich ist wie unsere, ist dieses Bedürfnis umso stärker.» Dieser Kinderwunsch bleibe aber teilweise auf der Strecke – «oft wegen der Unvereinbarkeit von Karriere und Beruf».

Keine Lust auf Kompromisse

Dies bestätigt auch der Soziologe François Höpflinger: «Der Mangel an familienergänzenden Strukturen führt dazu, dass der Kinderwunsch in der Schweiz bislang höher ist als die effektive Kinderzahl.» Tatsächlich zeigt der Bericht des Bundes, dass gerade gut ausgebildete Frauen in der Vergangenheit oft unfreiwillig kinderlos geblieben sind. Werden sich also auch die jungen Frauen von heute – deren Bildungsniveau immer höher wird – früher oder später von ihrem Traum einer eigenen Familie verabschieden?

«Das glaube ich kaum», so Perrig-Chiello. Zwar sei es in der Schweiz aufgrund der politischen und beruflichen Strukturen noch immer schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Sie stelle aber fest, dass die junge Generation von heute weniger bereit sei, Kompromisse zu machen: «Die jungen Leute wollen zunehmend beides, Kinder und Karriere – koste es, was es wolle.»

Oma passt auf

Dies bekommen unter anderem die Grosseltern zu spüren. Schon heute amten rund ein Viertel der Omas und Opas regelmässig als Babysitter, wie aus dem Bericht hervorgeht. Insgesamt lassen 57 Prozent der Eltern ihre Kinder ganz oder teilweise unentgeltlich von Verwandten betreuen. Nur 21 Prozent setzen voll auf die kostenpflichtigen Angebote von Krippen, Horten oder Tagesschulen.

Nutzung von familienergänzender Kinderbetreuung durch Haushalte mit Kindern zwischen 0 und 12 Jahren. Quelle: BfS – EFG 2013

Perrig-Chiello geht davon aus, dass die Rolle der Grosseltern künftig noch wichtiger wird. «Viele Familien sind schlicht darauf angewiesen, weil sie sich keine andere Art von Kinderbetreuung leisten können oder kein passendes Betreuungsangebot finden.» Soziologe Höpflinger ergänzt: «Durch die gestiegene Lebenserwartung sind die Grosseltern heute länger fit. Dadurch bringen sie erst die Kraft auf, ihre Enkel den ganzen Tag zu betreuen.» Noch vor hundert Jahren sei die Hälfte der Grosseltern bei der Geburt ihrer Enkel schon tot gewesen.

Grosseltern unter Druck

Laut Perrig-Chiello hat die heutige Entwicklung aber auch ihre Schattenseiten. Denn die heutige Generation der Grosseltern ist bei Geburt ihrer Enkel heute oft selbst noch im Berufsleben, manche haben zusätzlich noch pflegebedürftige Verwandte. «Wenn sie dann auch noch ihre Enkel betreuen müssen, kommt es hier wieder zu einem Vereinbarkeitskonflikt. Manchen wird der Spagat schlicht zu gross.»

Sind Sie zwischen 20 und 30 und gehören zu den 7 Prozent, für die Kinder kein Thema sind? Schreiben Sie uns unter feedback@20minuten.ch.

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