Türkei-Deal mit IS: Aargauer IS-Kämpfer gegen Geiseln getauscht?

Aktualisiert

Türkei-Deal mit ISAargauer IS-Kämpfer gegen Geiseln getauscht?

Um 49 Botschaftsmitarbeiter aus den Händen der Terrorgruppe IS zu befreien, hat die Türkei offenbar 180 IS-Kämpfer freigelassen - darunter könnte auch Cendrim R. sein.

von
gux
Cendrim R. hat drei Menschen erschossen. Jetzt wurde er offenbar in einem Austausch gegen türkische Geiseln freigelassen.

Cendrim R. hat drei Menschen erschossen. Jetzt wurde er offenbar in einem Austausch gegen türkische Geiseln freigelassen.

49 türkische Konsulatsmitarbeiter fielen im Mai im syrischen Mossul in die Hände der Terrorgruppe «Islamischer Staat» (IS). Ende September kam die Gruppe frei - der türkische Geheimdienst MIT habe sie in einer nächtlichen «Rettungsaktion» befreit, so der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erklärte, der MIT habe die Befreiung der Geiseln «mit seinen eigenen Methoden» erreicht.

Jetzt berichtet die britische «Times» (Bezahlartikel) unter Berufung auf türkische Sicherheitskreise, Medien und Kurdenkämpfer: Offenbar hat die Türkei die 49 Geiseln gegen 180 inhaftierte oder verletzte IS-Kämpfer ausgetauscht.

Cendrim R. auf Liste der Auszutauschenden

20 Minuten weiss: Rund um den Austausch der 180 IS-Terroristen zirkuliert auch eine Liste mit den Namen von zehn Europäern - nebst Briten, Schweden, Franzosen und einem Belgier steht darauf auch ein in der Schweiz bekannter Name: Cendrim R.*

Der heute 23-jährige Kosovo-Albaner, der in Brugg AG zur Schule ging, sass bislang in türkischer Untersuchungshaft. Er hatte im Frühling Schlagzeilen gemacht, als er zusammen mit einem Deutschen und einem Mazedonier bei einem dschihadistisch motivierten Attentat in Südanatolien drei Menschen, darunter einen Soldaten und einen Polizisten, erschoss.

Der IS bekundete bereits im Juni Interesse daran, den 23-Jährigen gegen die türkischen Geiseln auszutauschen. Die Analysten des Genfer Zentrums für Terrorismus (GCTAT) bestätigen zwar, dass es eine Liste mit zehn Namen von europäischen IS-Kämpfern gebe.

Sie bezweifeln indes, dass die Türkei den Dreifachmörder Cendrim R. wie von IS gefordert jetzt auch wirklich frei liess. IS habe zwar darum gefeilscht, doch letztlich sei dieses «Projekt aufgegeben» worden, zumal die Türkei «ein langes Gedächtnis» habe und wohl keinen Dreifachmörder freilassen wollte.

Haft in der Schweiz, Dreifachmord in der Türkei

Sicher ist: Vor dem Attentat in der Türkei war Cendrim R. auch der Aargauer Polizei bekannt. Nach mehreren Delikten verurteilte ihn das Jugendgericht Brugg 2010 zu zwei Jahren Gefängnis. Ein Jahr später wurde er nach Mazedonien abgeschoben.

Ob die Schweiz gegen Cendrim R. ein Einreiseverbot verhängt hat, ist unklar. Auf Anfrage von 20 Minuten hiess es vom Bundesamt für Polizei (Fedpol): «Fedpol kann Dritten gegenüber keine Auskunft darüber erteilen, gegen welche einzelnen Personen ein Einreiseverbot verhängt wurde. Das Recht, darüber Auskunft zu erhalten, steht von Gesetzes wegen lediglich den betroffenen Personen und Behörden zu.»

Türkei wird sich unbequemen Fragen stellen müssen

Ob es nun wirklich zum Austausch kam oder nicht - Cendrim R. ist einer von insgesamt 180 IS-Kämpfern, die in der Türkei inhaftiert waren oder sich in Gefangenschaft syrischer Rebellen befanden, wie die «Times» schreibt. Diese seien aus dem türkischen Van in einem Konvoi nach Syrien gefahren worden, schreibt Taraf.com.

Ein solcher Gefangenenaustausch wird kaum im Sinn der westlichen und arabischen Allianz gegen den IS sein. Dazu kommt, dass gerade die Türkei wenig bis gar nichts unternommen hat, westliche IS-Anhänger an der Einreise in den syrischen Bürgerkrieg zu hindern. So schreibt etwa die «Zeit»: «Sollte sich der Bericht der Times über insgesamt 180 freigelassene militante Islamisten bestätigen ... Die Türkei dürfte sich einige Fragen gefallen lassen müssen - wenn nicht öffentlich, dann gewiss hinter verschlossenen Türen.»

* Name der Redaktion bekannt

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