So ein Mist: Aargauer Reiter müssen Rossbollen aufsammeln
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So ein MistAargauer Reiter müssen Rossbollen aufsammeln

Mehrere Gemeinden im Kanton Aargau haben genug von Pferdeäpfeln auf der Strasse. Holziken greift nun rigoros durch.

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Für Reiter aus der Region Zürich ist das Aufnehmen von Pferdemist während einem Ausritt nicht vorstellbar. (Video: 20 Min)

Die grossen, braunen, matschigen, dampfenden Rossbollen sind im Aargau zu einem echten Problem geworden. Die Zahl an Pferden und folglich auch die Zahl an Äpfeln hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht. Viele Spaziergänger stören sich an den wachsenden Misthaufen. Deswegen musste die Gemeinde Holziken im Suhrental jetzt handeln. Sie hat ein Gebotsschild aufgestellt, auf dem Reiter ermahnt werden, den Pferdemist ihrer Tiere zu entfernen.

Im Kanton Aargau existiert zwar bereits ein Artikel, der die Verunreinigung von öffentlichem Grund mit 50 bis 150 Franken bestraft. Diesen hat Holziken aber erweitert: Ein Paragraf im Polizeireglement hält fest, dass Tierhalter verpflichtet sind, den Kot einzusammeln und zweckmässig zu entsorgen, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt. «Diesen Paragrafen gibt es schon lange, nur wusste das offenbar einfach niemand», sagt Gemeindeammann Peter Lüscher. Mit dem Schild will er die Reiter jetzt wieder an ihre Pflicht erinnern. Der Mist, den die vielen hundert Pferde in der Region anrichten, ist nicht mehr tragbar, sagt er.

Elektrofahrzeug als Pferdemist-Sammler

So weit das Gesetz. Wie aber wird dieses Gebot umgesetzt? Der Reiter müsste entweder einen gigantischen Robidog-Sack oder eine Schaufel dabeihaben und jedes Mal vom Pferd steigen, wenn sein Tier ein Geschäft verrichten muss. Aber was tut der pflichtbewusste Reiter dann mit dem Sack? Schnallt er ihn an den Sattel bis zum nächsten Abfalleimer? Und was passiert mit der schmutzigen Schaufel?

«Ja, das mit der Umsetzung ist ja genau das Problem», räumt Lüscher ein. Dass es für den Reiter mühsam und aufwendig ist, versteht der Gemeindeammann. Er hat aber bereits einen Vorschlag parat: Die Pferdepensionen und Rossställe müssten alle ein Elektrofahrzeug anschaffen – die Reiter würden dafür monatlich 30 Franken mehr bezahlen. Mit diesem Gefährt könnte jemand am Abend eine Runde drehen und alle liegen gebliebenen Pferdeäpfel einsammeln. «Die Reiter sind oft im Fahrverbot unterwegs , deswegen kommt ein Auto nicht in Frage.»

Befinden sich die Reiter allerdings auf Waldwegen, dürfen sie in Holziken den Mist auch vom Pfad ins Gebüsch bugsieren. «Obwohl in unserem Reglement steht, dass keine nicht waldeigenen Materialien im Wald zu deponieren sind – im Fall von Pferdemist mache ich eine Ausnahme», sagt Lüscher. Auf dem Feld muss sich der Halter mit dem Landwirt absprechen.

«Mit einer Putzausrüstung reiten gehen»

Im Zurzibiet ist es sogar explizit verboten, den Pferdekot liegen zu lassen. Ansonsten drohen eine Busse von 100 Franken und eine Rechnung für die Reinigungskosten. René Lippuner, Polizeichef und Verbandspräsident der Aargauer Gemeindepolizeien, sagt: «Ja, wir haben einen Bussenartikel, diesen können wir aber nur anwenden, wenn wir jemanden in flagranti erwischen.» Die Umsetzung sei schwierig, sagt auch er. Im Wohngebiet, wo dieses Verbot gilt, ist das Problem aber nicht gross.

Bei den betroffenen Pferdehaltern stösst das Verbot auf wenig Gegenliebe. Eine von ihnen ist Marianne Sutter in der Gemeinde Fisibach: «Dieses Verbot ist absolut lächerlich», sagt sie. Ein Pferd fresse Heu und lasse die verdaute Version davon wieder raus, «das stinkt nicht und stört nicht.» Sie kann nicht nachvollziehen, wie man auf die Idee kommt, ein solches Verbot einzuführen. Das sehen laut Sutter alle Rösseler so in der Gemeinde. «Das ist doch ein Witz, wie soll denn das überhaupt gehen? Muss man jetzt in Zukunft mit einer Putzausrüstung aufs Pferd sitzen?»

Laut Yves Niedermann, Gemeinderat in Fisbach, ist das Bedürfnis nach diesem Verbot sei an einer Gemeindeversammlung geäussert worden. Wie genau die Reiter den Pferdekot zusammennehmen, wisse er auch nicht, «wahrscheinlich im Nachhinein mit einer Schaufel und einem Sack.»

Rossidog und Robidog

In der Stadt Baden sei die Rossmist-Situation nicht tragisch, sagt Polizeichef Martin Brönnimann. Eine Idee zur Umsetzung eines solchen Verbots hat er dennoch: Der Reiter könnte einen dieser Kotsäcke am Pferd befestigen, die beispielsweise bei Kutschenpferden in der Stadt zum Einsatz kommen –«ein Rossidog». Auch im Kanton Zürich haben die Behörden nicht oft mit Perde-Äpfel-Littering zu tun. Sprecher Daniel Schnyder schlägt – wohl nicht ganz erst gemeint – vor, die Halterungen für Robidogs höher zu stellen, damit auch Reiter die Säcke abreissen können.

Auch Sara Kräuchi, Reitlehrerin und Vizepräsidentin vom Schweizer Freizeitreitverband, muss schmunzeln: Sie versteht, dass Pferdekot auf einem Gehweg stört, aber im Wald oder auf einem Feld kann sie das Problem nicht nachvollziehen. «Ausserdem sind die Bussen überrissen. 150 Franken, das ist Wahnsinn.»

So handhabt der Aargau den Pferdekot

- Im ganzen Kanton Aargau existiert eine Reinigungspflicht, unter die auch Tierkot fällt. Wer öffentliche Strassen und Anlagen verunreinigt, hat umgehend den ordnungsgemässen Zustand wieder herzustellen.

- Der Littering-Artikel der Aargauer Stadtpolizei sagt, Tierkot sei Abfall, der im öffentlichen Raum produziert wird. Bleibt dieser liegen, drohen 40 Franken Ordnungsbusse.

- Im Zurzigebiet ist es seit Anfang 2014 explizit verboten, Pferdemist liegen zu lassen. Ansonsten drohen eine Buss von 100 Franken und ein Rechnung für Reinigungskosten.

- In Muri, im Unteren Fricktal und in Zofingen besagt ein Paragraf für Tierhalter, dass sie verpflichtet sind, den Kot einzusammeln und zweckmässig zu entsorgen.

- In Wohlen, Limmat-Aare-Reuss, Bremgarten und im Oberen Fricktal richtet sich der Artikel speziell an Pferdehalter. Sie müssen den Kot aufheben.

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