Ausgedehntes Covid-Zertifikat - «Ab Montag gehe ich nicht mehr ins Café»
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Ausgedehntes Covid-Zertifikat«Ab Montag gehe ich nicht mehr ins Café»

Verzicht auf das Lieblingscafé, den Verband oder den Fitness-Besuch: Nicht geimpfte Menschen erzählen, wie sie mit der Covid-Zertifikatspflicht umgehen.

von
Bettina Zanni
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Lieber gehe sie gar nicht mehr ins Café, als sich vorher jedes Mal testen zu lassen, sagt die spirituelle Influencerin Nancy Holten.

Lieber gehe sie gar nicht mehr ins Café, als sich vorher jedes Mal testen zu lassen, sagt die spirituelle Influencerin Nancy Holten.

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«Seit zwölf Jahren gehe ich zweimal täglich in mein Lieblingscafé für einen frisch gepressten Orangensaft und vegane Pralinés», sagt Nancy Holten.

«Seit zwölf Jahren gehe ich zweimal täglich in mein Lieblingscafé für einen frisch gepressten Orangensaft und vegane Pralinés», sagt Nancy Holten.

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«Doch wenn ich monatlich 40 Stunden ehrenamtlich arbeite, bin ich doch nicht auch noch bereit, dafür wegen der kostenpflichtigen Tests zu bezahlen», sagt Leser S. L.*

«Doch wenn ich monatlich 40 Stunden ehrenamtlich arbeite, bin ich doch nicht auch noch bereit, dafür wegen der kostenpflichtigen Tests zu bezahlen», sagt Leser S. L.*

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Trotz Zertifikatspflicht kommt für einige Ungeimpfte die Impfung weiterhin nicht infrage.

  • «Lieber gehe ich gar nicht mehr ins Café, als mich vorher jedes Mal testen zu lassen», so Influencerin Nancy Holten.

  • Auch Leser S. L.* sagt: «Die Zertifikatspflicht wird mich in meiner Freizeit stark einschränken.»

Für Menschen, die sich nicht gegen Corona geimpft haben, wird das Leben komplizierter. Ab Montag ist der Besuch von Restaurants, Kinos oder Fitnesszentren nur noch mit Covid-Zertifikat möglich. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss einen negativen Test vorweisen. Weltweit wurden bisher über fünf Milliarden Impfstoffdosen gegen das Coronavirus verabreicht. Schwere Nebenwirkungen sind kaum aufgetreten. Trotzdem schreckt der neuartige mRNA-Impfstoff viele Ungeimpfte von der Impfung ab. Betroffene erzählen, wie sie mit der neuen Massnahme umgehen:

Nancy Holten (47), spirituelle Influencerin: «Lasse mir die Freiheit nicht nehmen»

«Seit zwölf Jahren gehe ich zweimal täglich in mein Lieblingscafé für einen frisch gepressten Orangensaft und vegane Pralinés. Ab Montag verzichte ich darauf. Ich akzeptiere die Massnahmen, lasse mir aber die Freiheit nicht nehmen. Lieber gehe ich gar nicht mehr ins Café, als mich vorher jedes Mal testen zu lassen. Da mir das Personal leidtut, spende ich am Freitag zehn mal zehn Franken, also 100 Franken für die nächsten Wochen.

Ganz werde ich aber nicht auf das Konsumieren auswärts verzichten. Ich besuche am Wochenende gerne Tanzabende. Da ich mich für diese ohnehin jeweils am Freitagabend testen lasse, kann ich den Test auch gleich für einen Restaurantbesuch nutzen. Wollen Sie wissen, warum ich mich trotz allem immer noch nicht impfen lassen will? Mein Körper und meine Intuition sagen Nein. Da ich immer auf meinen Körper und meine Intuition höre, bin ich so glücklich, frei und gesund.»

S. L.* (39), HR-Fachmann aus dem Kanton St. Gallen: «Bin nicht bereit zu zahlen»

«Die Zertifikatspflicht wird mich in meiner Freizeit stark einschränken. Ich bin ehrenamtlich in Verbänden tätig und müsste mich für die Verbandstätigkeiten vor Ort jedes Mal testen lassen. Doch wenn ich monatlich 40 Stunden ehrenamtlich arbeite, bin ich doch nicht auch noch bereit, dafür wegen der kostenpflichtigen Tests zu bezahlen.

Da wir unsere Verbandssitzungen meist in der Beiz abhalten, kann ich dort auch nicht mehr teilnehmen. Für nächste Woche musste ich gleich zwei Sitzungen absagen. Bis jetzt sagte mir nur jemand von den Kolleginnen und Kollegen, ich solle mich doch impfen lassen. Aber solange nur dieser mRNA-Impfstoff zur Verfügung steht und es keine herkömmliche Alternative gibt, bleibe ich lieber ungeimpft.

In meinem Freundeskreis sind viele geimpft. Dennoch haben sie Verständnis für mich. So sind sie auch bereit, mich anstatt in einer Bar bei mir oder sonst jemandem zuhause zu treffen.»

N. F.* (33), Vermögensverwalterin aus dem Kanton Basel-Stadt: «Nun pausiere ich das Fitnessabo»

«Meine Freizeitaktivitäten werde ich wegen der Zertifikatspflicht herunterfahren. Normalerweise gehe ich fünfmal pro Woche ins Fitness. Nun pausiere ich das Fitnessabo. Auch kann ich gut auf den Restaurantbesuch verzichten. Testen lasse ich mich nur für die Angebote, die mein dreijähriger Sohn nutzt: Etwa, wenn ich ihn zum Schwimmkurs begleite oder mit ihm einen Indoor-Spielplatz besuche. Diese Tests gehen ins Geld. Als Familie des oberen Mittelstands können wir uns den freien Impfentscheid leisten. Unfair ist es aber für alle anderen, denen aus finanziellen Gründen nur noch die Impfung übrig bleibt.

Ich habe grundsätzlich nichts gegen Impfungen. Doch ich brauche noch etwas Zeit, um zu entscheiden, ob ich die Impfung brauche. Aktuell halte ich sie für unnötig. In meinem Alter ist das Risiko eines schweren Verlaufs relativ klein. Zudem sind alle Menschen in meinem Umfeld, die zur Risikogruppe gehören, geimpft.»

Nicolas A. Rimoldi (26), Co-Präsident des massnahmenkritischen Vereins «Mass-voll!»: «Boykottiere alle Angebote»

«Wegen der Zertifikatspflicht fühle ich mich wie ein Mensch zweiter Klasse. So fühlt sich Ausgrenzung an. Ohne negativen Test kann ich weder in die Beiz noch ins Kino gehen. Das ist einfach falsch! Nun boykottiere ich alle Angebote, für die ein Zertifikat verlangt wird. Persönlich schmerzt mich das nicht – ich kann gut auf den Besuch in der Beiz verzichten. Ich kann Leute einladen und etwas Schönes kochen. Aber unzählige Menschen hingegen verlieren ihre Lebensgrundlage – dieses Leid und die Spaltung der Gesellschaft ist das Schlimmste an der Zertifikatspflicht.

Durch mein politisches Engagement in dieser Krise habe ich ohnehin kaum Freizeit. Auch wenn Ungeimpfte noch stärkere Einschränkungen erfahren, werde ich meine Haltung nicht ändern. Ich bin nicht bereit, mir für die Freiheit einen experimentellen Impfstoff spritzen zu lassen, der mit einer Schnellzulassung auf den Markt gekommen ist.»

*Name der Redaktion bekannt.

Tests für Covid-Zertifikat

Wer sich testen lassen will, um ein Zertifikat zu erhalten, muss den Test ab 1. Oktober selbst berappen. Für das Zertifikat kann ein Antigen-Schnelltest oder ein PCR-Test vorgewiesen werden. Bei einem negativen PCR-Test wird das Covid-Zertifikat auf Antrag direkt in die «Covid Certificate»-App ausgeliefert. Die Personen müssen bei der Probeentnahme angeben, dass sie ein Covid-Zertifikat wünschen.
Bei einem negativen Antigen-Schnelltest stellt das Testzentrum das Zertifikat auf Antrag aus. Dies kann direkt vor Ort erfolgen oder die Getesteten erhalten das Zertifikat digital per E-Mail oder direkt in die «Covid Certificate»-App ausgeliefert. Kein Covid-Zertifikat gibt es für Selbst- und Antikörpertests.

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