Terror-Experte: «Abaaouds Karriere ist ein Ansporn für Jihadisten»

Aktualisiert

Terror-Experte«Abaaouds Karriere ist ein Ansporn für Jihadisten»

Der Drahtzieher der Angriffe auf Paris sei nun ein Idol, sagt Terror-Experte Guido Steinberg. Er befürchtet, dass der 13. November nur der Anfang war.

von
kko

Der mutmassliche Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, ist bei einer Razzia in Saint-Denis erschossen worden. Abschreckend auf andere Jihadisten wirke dies jedoch kaum, sagt der Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

«Herrn Abaaouds Karriere ist ein Ansporn für Jihadisten. Er ist nun ein Idol, weil er sein Ziel erreicht hat», sagt er im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Die vielen Europäer in den Reihen des IS dürften diesem Beispiel, mit einem Anschlag ganz Europa aufzurütteln, zu folgen versuchen – sofern die Organisation das zulasse.

«Ungeheurer Erfolg»

Steinberg befürchtet, dass die Anschlagsserie am 13. November nur der Anfang war. «Frankreich hat professionelle Sicherheitsbehörden, die nach den Anschlägen vom Januar 2015 noch viel mehr Kompetenzen erhalten haben. Dass es dem IS gelungen ist, unter deren Radar einen solchen Anschlag zu organisieren, ist ein ungeheurer Erfolg.»

Gefährdet seien vor allem Westeuropa und einige Balkanländer, Besonders Länder wie Frankreich oder Grossbritannien, die militärisch gegen den IS vorgingen und zugleich sehr grosse Kontingente an IS-Kämpfern stellten. Aber auch in Deutschland, Belgien, Österreich, Dänemark und der Schweiz dürfe diese Gefahr nicht als gering eingeschätzt werden.

Balkanroute noch nie so schlecht kontrolliert wie jetzt

Auch dass die Jihadisten zu chemischen und biologischen Waffen greifen könnten, wie Frankreichs Premier Manuel Valls gewarnt hat, schliesst Steinberg nicht aus. «Wir wissen, dass der Islamische Staat im Irak und in Syrien mit chemischen Kampfstoffen operierte.»

Verfüge die Organisation tatsächlich über solche, sei es derzeit ein Leichtes, sie in den Westen zu bringen. «Die Reiseroute zwischen Syrien und Europa war noch nie so schlecht kontrolliert wie heute», so Steinberg. Die einzige Hürde, die Türkei, kontrolliere die Grenze zu Syrien nicht sehr effektiv. «Wenn jemand Kampfstoffe nach Europa schmuggeln will, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür», so der Terrorexperte zum «Tages-Anzeiger».

«Ohne Luftschläge wäre die Lage viel katastrophaler»

Zwei Tage nach der blutigen Anschlagsserie hat die französische Luftwaffe Stellungen der Jihadisten-Miliz in Syrien bombardiert. Dass das oft als wirkungslos bezeichnet wird, hält Steinberg für falsch. Die Bombardierungen hätten diverse Bewegungen des IS gestoppt, etwa auf die Kurdenstädte Arbil und Kobane. «Ausserdem gelang es, aus der Luft wichtige Kommandanten zu töten», sagt Steinberg. «Ohne Luftschläge wäre die Lage viel katastrophaler.»

Den Einsatz von Bodentruppen wertet Steinberg als falsches Mittel, ein entschlossenes militärisches Vorgehen gegen den IS sei aber notwendig. Dass sich eine terroristische Organisation ungestört in einem Territorium organisieren könne, dürfe nicht sein. «Die Existenz dieses quasistaatlichen Gebildes muss so schnell wie möglich beendet werden», so Steinberg zu der Zeitung.

Dafür müssten die Luftangriffe fortgesetzt werden. Notwendig, aber zugleich extrem schwierig seien dann «eine Verhandlungslösung in Syrien, eine Politikänderung der irakischen Regierung und gleichzeitig ein entschlossenes militärisches Vorgehen gegen den IS».

Deine Meinung