Zürich, Samstag 28.10.: Abgebliggt

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Zürich, Samstag 28.10.Abgebliggt

Rapmaster Bligg ruft in der Realität zwar gegen Gewalt
im Hip-Hop auf, am Tekken-Joypad zeigt er sich hingegen als blutrünstiger Prügelmeister.

Das Samuraischwert in der einen Hand, die PSP in der anderen, die Kapuze hochgeschlagen und eine Pilotenbrille vor den Augen: Das Bild von Bligg verrät so viel, wie es verbirgt. Es enthüllt die Coolness, mit der er es gewohnt ist, sich medienwirksam in Szene zu setzen, und es verdeutlicht den Stellenwert, den Styling in der Hip-Hop-Szene geniesst. Es täuscht indes darüber hinweg, dass der Schweizer Rapveteran unter der Oberfläche ein einnehmender, zugänglicher Musiker ist; einer, der sich darüber freut, wenn er auf der Strasse von Fans angesprochen wird, und gerne ein paar Worte mit ihnen wechselt. Einer auch, der denkt, bevor er spricht, und fundierte Aussagen macht. Dass Marco Bliggensdorfer – bevor das Blitzlicht die Pose einfängt – im Spiegel prüft, ob Kapuze, Schwert und Brille richtig sitzen, verrät ausserdem weniger über seine Selbstverliebtheit als darüber, dass er es gewohnt ist, sich selbst zu managen.

Bligg ist zum grossen Game-Showdown mit 20 Minuten week angetreten. Zwar komme er selber wenig zum Spielen, erzählt der Rapper, seine Liveband sässe aber oft an der Konsole. Er gibt indes zu, vorgängig geübt zu haben – was sich als hilfreich erweist: Im PSP-Game Tekken: Dark Resurrection schlägt er sich, als hätte er die Tage zuvor nichts anderes getan. Er kennt die Spieler und ihre Kombos, spielt mit Taktik und Timing. Entgegen seinem Engagement gegen Gewalt in der Rapszene geht er im Game aufs Ganze. Einen Zusammenhang zwischen Gewalt in Spielen und in der Realität lässt Bligg denn auch nicht gelten: «Kids sind doch nicht blöd», sagt er. Games hätten seit Mario Bros. und Co. zwar eine Entwicklung durchgemacht, das gelte aber auch für die Spieler. «Jugendgewalt hat viele Ursachen, besonders gesellschaftliche», sagt Bligg. Doch Politiker würden oft nur in Stereotypen denken – da müsse auch Hip-Hop als Sündenbock hinhalten. «Rapper sind jedoch vor allem Botschafter. Sie erzählen, was in ihrem Leben passiert, zum Beispiel in den Slums.» Bliggs Botschaft ist zunächst eine Faust, mit der seine Figur Jin krachend auf Nina Williams' Nase landet. Beim Kampf in der Tekken-Arena zeigt Bligg dieselbe Zielsicherheit, die ihn an die Spitze der Hip-Hop-Szene gebracht hat: Er konzentriert sich auf den Kampf, freut sich über seine Erfolge und brüllt auf, wenn er einsteckt.

Die Gangart im Musikgeschäft ist jedoch härter geworden, und auch der Rapper spürt die Krise. «Die Labels stehen auf der Ausgabenbremse, sie nehmen kein Geld mehr in die Hand», sagt der Dreissigjährige, der seit über zehn Jahren im Business ist. Den letzten Videoclip habe er deshalb selbst gedreht – für 500 Franken. Auf Viva sei er trotzdem gelaufen. «Typen wie DJ Bobo sind fein raus. Die haben das Geld für grosse Shows und verdienen somit noch mehr.» Die Karrieren kleiner Künstler würden aber oft im Keim erstickt. Darin sieht Bligg zwar die Chance zu Kreativität, sieht aber auch die Grenzen: «Mit der Zeit saugt es dich aus.»

Für Bands, die den Weg an die Spitze suchen, möchte sich Bligg auch in der Reality-TV-Show «Mobile Act – Battle of Bands» einsetzen, die am 30. Oktober auf Sat 1 anläuft. «Da treten keine Musikkonserven an, sondern echte Bands, die es schon lange gibt», erklärt er. Zusammen mit drei anderen Coaches wird Bligg die Bands aufbauen und begleiten.

Glücklich darüber, im Tekken-Gemetzel nicht dem Erdboden gleichgemacht worden zu sein, verabschiedet sich Bligg mit grosser Herzlichkeit. Und zeigt damit die typische Mischung aus leicht überheblicher Coolness und Bescheidenheit, die sich nicht nur in der Fotosession, sondern auf seinem ganzen Weg abgezeichnet hat.

Tekken-Champ 2006

Am 28. Oktober findet im GZ Heuried in Zürich das Finale zur Tekken-Meisterschaft statt. Die Kämpfe werden auf Grossleinwand übertragen, zwischen den virtuellen Kämpfen treten reale Shooto-Prügler gegeneinander an. Beginn: 16 Uhr.

Jan Graber

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