«Time-out»: Abgeschoben und dann abgehoben
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«Time-out»Abgeschoben und dann abgehoben

Langnau will Joël Perrault nicht mehr. Gleich beim ersten Spiel mit Ambri schiesst der Kanadier gegen Zug zwei Tore und bucht einen Assist. Solche Fehleinschätzungen gehören zum Eishockey wie Puck und Stock.

von
Klaus Zaugg
Joël Perrault (l.) trumpfte in seinem ersten Spiel für Ambri gross auf.

Joël Perrault (l.) trumpfte in seinem ersten Spiel für Ambri gross auf.

Noch wissen wir nicht, ob Joël Perrault in Ambri tatsächlich sein bestes Eishockey spielen wird. Der Auftakt ist immerhin vielversprechend. In Zug war er an allen drei Toren beim 3:4 nach Penaltys beteiligt. Er machte nach dem Spiel gegenüber dem Reporter der «Neuen Luzerner Zeitung» schon ein wenig auf Polemik: Es sei halt einfacher, wenn man geschätzt werde und zudem dürfe er nun in Ambri als Center spielen. In Langnau sei er fast immer an den Flügel verbannt worden.

Pech für Ambri: Heute darf Perrault gegen Langnau nicht spielen. So ist es beim Transfer vereinbart worden. Das ist nicht gut für Ambri. Denn in Zug hat sich auch noch Eric Landry verletzt. Weil bereits Eric Westrum und Martin Kariya ausfallen, werden die Leventiner heute wohl ohne ausländischen Stürmer gegen die Langnauer antreten müssen – und ohne den ebenfalls verletzten Nationalstürmer Julien Walker.

Doch wenden wir uns wieder der Fehleinschätzung von Langnau zu – so sich denn erweisen sollte, dass es eine ist. Zu allen Zeiten und auf höchstem Niveau sind Spieler immer wieder nicht richtig eingeschätzt worden. Die Emmentaler befinden sich in bester Gesellschaft.

Fehleinschätzungen gibts in der NHL zuhauf

Wir beginnen ganz oben, in der NHL, in der Mutter aller Ligen. Brett Hull, der seine Karriere nach 1471 Spielen und 844 Toren als dritter der ewigen Torschützenliste und als Stanley-Cup-Sieger beenden sollte, wird im Draft 1984 bloss als Nummer 117 in der 6. Runde gezogen! Schlimmer noch: 1988 senden ihn die Calgary Flames für Rob Ramage und Rick Wamsley nach St. Louis. Oder eher noch verheerender: Torhüter Jean-Sébastien Giguere wird im Sommer 2000 von Calgary für ein lächerliches Zweitrunden-Draftrecht an Anaheim verscherbelt. Dort wird Giguere das Team zum Stanley Cup hexen. Die Edmonton Oilers investieren 1997 ein Erstrunden-Draftrecht (Nr. 14) in Michel Riesen. Der Schweizer kommt auf 12 NHL-Spiele (ein Assist). Chicago hat einst Dominik Hasek nach 25 Spielen als unbrauchbar taxiert und nach Buffalo transferiert (Saison 1992/93).

Fast unfassbar: Edmontons Sheldon Souray hat die ganze letzte Saison in der AHL verbracht, weil ihn einfach kein NHL-Team mehr wollte. Nun ist er bei Dallas wieder einer der aktuell besten NHL-Verteidiger. Oder Dave King hat einst als U20-Junioren-Nationaltrainer Mario Lemieux nicht fürs WM-Team nominiert. Mit der Begründung, Lemieux leiste zu wenig Defensivarbeit. Nicht zu vergessen: Alle NHL-Fehleinschätzungen sind Hockeyunternehmen unterlaufen, die ein Heer von hauptberuflichen Talentspähern (Scouts) beschäftigen und von einem ganzen Stab von hauptberuflichen Managern geführt werden.

Auch in der Schweiz gibts prominente Beispiele

Doch kehren wir in die Schweiz zurück. Schon jetzt Kult: Zug schickt Thomas Walser (spielt heute nicht mehr in der Nationalliga) im Tausch gegen Damien Brunner (aktueller NLA-Topskorer) nach Kloten. Schon fast vergessen: Fribourg-Gottéron wollte einst Josh Holden nicht mehr. In Langnau reifte der Kanadier zum Liga-Superstar und ist heute Zugs Leitwolf. Torhüter Martin Gerber musste seine Karriere in der 2. Liga bei Signau beginnen, weil er im Juniorenalter als untauglich fürs richtige Hockey eingeschätzt worden war. Die Langnauer verlängerten im Frühjahr 2003 den Vertrag mit Benjamin Plüss nicht mehr. Im Frühjahr 1993 löste der HC Lugano nach nur einer Saison den Dreijahresvertrag mit Igor Larionow auf. Der Russe wurde anschliessend NHL-Superstar und Stanley-Cup-Sieger.

Der SC Bern verkaufte im Frühjahr 1995 Mark Streit für 40 000 Franken Transfersumme an Fribourg und dort holte ihn HCD-Sportchef Erich Wüthrich. SCB-Sportchef Bill Gilligan hatte Streit als untauglich für die NLA taxiert. Sportchef Ueli Schwarz feuerte in Basel im Herbst 2006 nach 15 Spielen den kanadischen Verteidiger Shawn Heins, der umgehend bei Fribourg-Gottéron zum Verteidigungsminister aufstieg. Lugano transferierte im Laufe der Saison 1999/00 den angeblich nicht mehr führbaren Marcel Jenni nach Schweden (Färjestad) und dort wurde Jenni sofort zum Superstar, blieb fünf Jahre lang in Schweden und war zeitweise der beste Ausländer. Die ZSC Lions bildeten drei Torhüter aus: Lukas Flüeler, Leonardo Genoni (heute HC Davos) und Reto Berra (heute Biel). Den schwächsten der drei (Flüeler) haben sie behalten.

Und nun also Joel Perrault. Langnau hat ihn am Freitag wegen ungenügender Leistung aus einem laufenden Vertrag nach Ambri transferiert und noch am Abend des gleichen Tages führte der Kanadier sein Team zu einem Punkt in Zug. Wenn er in Ambri Held und Superstar wird, braucht sich Langnaus Manager Ruedi Zesiger nicht zu schämen: Wir haben bei unserem kurzen und unvollständigen Rückblick auf die Kulturgeschichte der Eishockey-Fehleinschätzungen gesehen, dass sich schon weit prominentere Hockey-Generäle getäuscht haben.

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