Aktualisiert 28.07.2011 18:05

Steigende FitnessAbseits bald nur noch im Strafraum?

Fussballer können körperlich immer mehr leisten. So verändert sich das Spiel stetig. Ein Trainingsphysiologe fordert deshalb einschneidende Regeländerungen.

von
Ricardo Guerra
Fussballer legen heute schon deutlich mehr Sprints hin als früher. Dies wird noch mehr zunehmen.

Fussballer legen heute schon deutlich mehr Sprints hin als früher. Dies wird noch mehr zunehmen.

Der Gedanke, das Fussballfeld könnte in einigen Jahren den überfüllten Strassen einer Grossstadt gleichen, wo es praktisch keinen Bewegungsraum gibt, ist nicht weit hergeholt. In den letzten Jahrzehnten haben sich die physischen Eigenschaften des Spiels infolge der erhöhten physiologischen Leistungen der Spieler radikal verändert. Spieler können jetzt längere Strecken in kürzerer Zeit und mit höherer Intensität zurücklegen. Das Spielfeld ist demzufolge zu «eng» geworden. Es gibt weniger Raum für Spieler wie Lionel Messi, sich zu entwickeln oder zu zeigen, was sie wirklich können.

Denn der ballführende Spieler wird heute viel aggressiver und schneller attackiert als beispielsweise noch in den 70er-Jahren. Offener Raum ist eine Seltenheit geworden. Wenn die Fitness der Fussballer sich weiterhin steigert - und die uns vorliegenden Daten deuten darauf hin - dann steuern wir auf eine Situation zu, in der das Spiel fast nicht wiederzuerkennen sein wird. Standardsituationen werden noch wichtiger, Spieler werden sich kaum mehr mit Einzelaktionen beweisen können.

Neue Regeln, um Fussball spannend zu halten?

Steigert sich die Leistungsfähigkeit der Akteure, könnte Fussball für die Fans immer langweiliger werden. Eine Regelanpassung würde dann Sinn machen, um Raum zu schaffen. Möglich wäre eine Änderung der Abseitsregel (z.B. nur noch im Strafraum) oder dass für eine bestimmte Anzahl Mannschaftsfouls ein Spieler das Feld verlassen muss. Die Lösung des Problems könnte auch sein, dass in Zukunft eine Mannschaft nur noch aus zehn statt aus elf Spielern besteht.

Laufwege fast doppelt so weit

Für diese letzte Regeländerung spricht unter anderem die Untersuchung der Laufwege von Fussballern. Professor Thomas Reilly, ein weltbekannter Trainingsphysiologe der Liverpool John Moores Universität, hat in den späten Siebzigerjahren den Weg für den Forschungszweig der Bewegungsanalyse im Fussball gebahnt. Unterstützt von seinen Studenten und Assistenten verfolgte er die Bewegung der Everton-Spieler, wobei er sich auf die Feldmarkierungen und optischen Hinweise im Bereich der Feldgrenzen stützte. Für jeden Spieler erforderte die Forschung einen einzelnen Beobachter, der alles notierte.

In neuerer Zeit hat die modernere Technologie, die von mehreren synchronisierten, an Computer angeschlossenen Kameras Gebrauch macht, es ermöglicht, die Bewegungsdaten für alle Spieler im Feld zu sammeln und verfolgen. Die gesamte Strecke, die ein Spieler zurücklegt, hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verlängert, von etwa 8500 Meter in Reillys Studien der späten siebziger Jahre auf heute zwischen 10 000 und 13 000 Meter. Nur 24 Prozent davon legen die Spieler gehend zurück.

Markante Steigerung der Sprints

Neben der Gesamtstrecke verändert sich vor allem auch die Intensität der Fortbewegung. Entsprechende Studien zeigen eine atemberaubende Steigerung der hochintensiven Aktivitätsperioden (Hochgeschwindigkeitslaufen und Sprinten). In den letzten sieben Jahren hat sich die Zahl von hochintensiven Aktivitäten (Fortbewegungen über 19,8 km pro Stunde) alleine in der Premier League insgesamt um 46 Prozent erhöht.

Noch extremer ist die Steigerung der absolvierten Sprints: Wenn in der Saison 2003/04 bei den Premier-League-Teams durchschnittlich 287 Sprints pro Partie (Bewegung schneller als 25 km pro Stunde) gezählt wurden, waren es in der letzten Saison durchschnittlich deren 487, was einer Steigerung von fast 70 Prozent innert sieben Jahren entspricht.

Trainingspotential nicht ausgeschöpft

Neben der Fähigkeit, viele Sprints abzuliefern, wird gleichzeitig die schnelle Erholung während der Partie immer wichtiger. Dies fordert eine einzigartige Trainingsmethodik zur Vervollständigung der facettenreichen Bestandteile.

Manche Fussballer sind von Natur aus mit der genetischen Veranlagung ausgestattet, Energie zu produzieren, die den verschiedenen physiologischen Ansprüchen des Spiels metabolisch genau entspricht. Trainingsphysiologen haben Trainingsmethoden entworfen und anwenden können, welche sich diese genetische Veranlagung zunutze machen oder sie sogar zu noch grösserer Leistung stimulieren. Derzeit werden solche, den Energieanforderungen des Spiels entsprechenden Methoden nur in einer begrenzten Anzahl von Klubs weltweit eingesetzt. Demnach ist das Potenzial zur weiteren Steigerung dieser Leistung noch lange nicht erreicht. Ob dies für den Fussball förderlich ist oder nicht, wird sich zeigen.

Der Autor

Der Brasilianer Ricardo Guerra ist Trainingsphysiologe (Master of Science in Sports Physiology) und erwarb seinen Titel an der Liverpool John Moores University. Er arbeitete für verschiedene Klubs im Nahen Osten und Europa, so war er auch leitender Trainingsphysiologe der ägyptischen Fussballnati 2002 und der katarischen Auswahl 2008. Guerras veröffentlichte Artikel im Nahen Osten oder auch für Brasiliens «o globo». Der Autor kann unter rvcgf@yahoo.com kontaktiert werden.

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