Abzieh-Tattoos: Dermatologin spricht über medizinische Konsequenzen
Shameka Morris (29) und ihr Sohn Treylin (1) haben über eine Million Followerinnen und Follower auf Tiktok.

Shameka Morris (29) und ihr Sohn Treylin (1) haben über eine Million Followerinnen und Follower auf Tiktok.

Instagram / Nuggetworld561
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Virales Tattoo-Baby (1)«Abzieh-Tattoos sind völlig harmlos» – Expertin gibt Auskunft

Eine Mutter verpasst ihrem Sohn grossflächige Tattoos, postet Bilder von ihm im Netz und erntet dafür Kritik. Eine Dermatologin ordnet die Folgen für Kinderhaut ein.

von
Geraldine Bidermann

Shameka Morris ist Mutter eines einjährigen Sohnes namens Treylin und ein Fan von Tätowierungen. Die US-amerikanische Modedesignerin schmückt die ganze Haut ihres Kleinkindes regelmässig mit temporären Tattoos, um sie auf Social Media zu zeigen. Wir haben mit Frau Dr. Lisa Weibel gesprochen. Die leitende Ärztin und Dermatologin am Kinderspital Zürich gibt Auskunft über medizinische Folgen.

Shameka Morris (29) und ihr Sohn Treylin (1) haben über eine Million Followerinnen und Follower auf Tiktok.

Shameka Morris (29) und ihr Sohn Treylin (1) haben über eine Million Followerinnen und Follower auf Tiktok.

Instagram / Nuggetworld561

Frau Dr. Weibel, eine Mutter eines einjährigen Kindes wird im Netz angegriffen, weil sie ihrem Kleinkind regelmässig Sticker-Tattoos verpasst und damit der Kinderhaut schade. Zu Recht?

Ich hatte in meiner 18-jährigen Tätigkeit als Kinder-Dermatologin noch keinen einzigen Fall, bei dem ein Abzieh-Tattoo eine problematische Reaktion auf Kinderhaut auslöste. Auch in der medizinischen Literatur gibt es bis auf eine einzige Ausnahme keine Fallstudien über allergische Reaktionen. 

Worum ging es in diesem Einzelfall?

Ein einziger Bericht von 2005 aus Polen zeigt, dass der schwarze Farbstoff p-Phenylendiamin (PPD) bei einem Mädchen starke Reaktionen auslöste, nachdem es ein Abzieh-Tattoo auf seinem Rücken anbrachte. Dieser Inhaltsstoff ist aber üblicherweise in Abzieh-Tattoos nicht enthalten.

Die Haut des Einjährigen ist laut der Mutter nahezu permanent mit Abzieh-Tattoos übersät. Spielt die Häufigkeit ebenfalls keine Rolle?

Für Kinderhaut ist es sicher nicht ideal, permanent und grossflächig Abzieh-Tattoos zu haben. Die Hautbarriere könnte etwas gestört werden, wenn man ständig einen aufgeklebten Film an Farbstoffen und Chemikalien auf der Haut lässt. Aber wenn keine Irritationen entstehen, kann man auch das relativieren.

PD Dr. med. Lisa Weibel ist Abteilungsleiterin am Zentrum für Kinderhaut-Dermatologie des Universitäts-Kinderspitals Zürich. 

Kinderspital Zürich

Wie häufig sind denn solche Irritationen?

Jedes fünfte Kind neigt zu einer «Ekzemhaut». Aus der Ferne kann ich die Haut dieses Jungen nicht beurteilen. Falls er aber noch nie auf diese Tattoos reagiert hat, zum Beispiel mit einem Ausschlag oder Juckreiz, darf man davon ausgehen, dass diese ihm nicht schaden. Aus meiner Sicht kann man übliche, farbige Abzieh-Tattoos wirklich als harmlos einstufen – im Gegensatz zu Henna-Tattoos. 

Über die Probleme von Henna wird immer wieder berichtet. Haben Sie dennoch immer noch kleine Patientinnen und Patienten mit Folgeschäden?

Absolut. Jedes Jahr nach den Sommerferien haben wir zahlreiche Kinder in der Sprechstunde, die sich am Strand ein Souvenir auf die Haut haben malen lassen. Henna-Tattoos mit Zusatz von schwarzer Farbe sind speziell gefährlich, denn diese sind aufgrund des Inhaltsstoffes p-Phenylendiamin hochallergen. Zum Teil gibt es heftige Dermatitis-Reaktionen, die eine langfristige Hautallergie auf schwarze Farbe hinterlassen. Das hat massive Konsequenzen. 

Zum Beispiel?

Diese Kinder können teils nie mehr schwarze Hosen anziehen, auch die Berufswahl wird eingeschränkt: Die Coiffeur- oder Textilbranche ist für diese Allergiker tabu, auch die eigenen Haare können sie sich beispielsweise nie dunkel färben. Im Zweifel wählt man als Eltern also immer lieber Abzieh-Tattoos für die Kinder.   

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