Dreister Global Player: «Abzocker» Amazon – Arbeit auf Staatskosten
Aktualisiert

Dreister Global Player«Abzocker» Amazon – Arbeit auf Staatskosten

Der Versandhändler Amazon braucht 2000 Aushilfskräfte fürs Weihnachtsgeschäft. Darum bietet er Arbeitslosen für wenige Monate eine Stelle. Die Probezeit berappen aber die Steuerzahler.

von
O. Wietlisbach
Amazon gerät in die Kritik, da arbeitslose Bewerber zwei Wochen auf Kosten der Steuerzahler beschäftigt werden.

Amazon gerät in die Kritik, da arbeitslose Bewerber zwei Wochen auf Kosten der Steuerzahler beschäftigt werden.

Der weltgrösste Online-Händler Amazon sucht im deutschen Werne 2000 Paar Hände, die als Aushilfskräfte für das Weihnachtsgeschäft Päckchen packen sollen. Für die von Arbeitslosigkeit gebeutelte Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen ist Amazon eigentlich ein Segen. Der US-Konzern hat in der Region dank neuen Logistikzentren Hunderte Jobs geschaffen. Nun erhält das Amazon-Jobwunder aber Risse in der Fassade. Von «Sklaverei» und «Abzocke auf Kosten der Steuerzahler» ist in deutschen Internet-Foren die Rede.

Stein des Anstosses: Hunderte oder Tausende arbeitslose Hartz-IV-Empfänger werden von den regionalen Jobcentern als saisonale Aushilfskräfte für rund drei Monate an das Online-Versandhaus vermittelt. In den letzten Wochen fanden daher bei Amazon Informationsveranstaltungen für Versandmitarbeiter mit je 80 bis 90 Teilnehmern statt. Den Bewerbern werde an dieser Veranstaltung gesagt, dass sie zunächst ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren müssen, schreibt der «Westfälische Anzeiger». Erst danach werde über die Weiterbeschäftigung entschieden.

«Steuerzahler subventionieren boomendes Unternehmen»

Das Brisante an der Jobvermittlung durch die Jobcenter: Während des zweiwöchigen Praktikums wird die Arbeit nicht von Amazon bezahlt, sondern weiter in Form von Arbeitslosengeld durch den Staat vergütet. Da Amazon die Hartz-IV-Bezüger für relativ simple Arbeiten nicht für einen Tag, sondern gleich für zwei Wochen auf Staatskosten beschäftigt, spart der Konzern einiges an Lohnkosten und Sozialabgaben. Der deutsche Steuerzahler subventioniere somit die Gehälter eines boomenden Unternehmens, sagen Gewerkschaften und Arbeitslosen-Organisationen.

Während der Probezeit erhalten die Vermittelten nicht das reguläre Gehalt, sondern weiterhin nur das Arbeitslosengeld. Für die Betroffenen hat die «unbezahlte» Probezeit einen Lohnverzicht von knapp 200 Euro zur Folge, da das Arbeitslosengeld geringer ist als der übliche Lohn, der Neubeschäftigten zustehen würde. Wer das Praktikum ablehnt, müsse mit massiven Leistungskürzungen rechnen, schreibt die Seite gegen-hartz.de.

«Geldverschwendung»

«Die Hoffnung von Arbeitslosen auf einen Arbeitsplatz wird schamlos auf Staatskosten ausgenutzt», empört sich ein Betroffener im Internetforum der Gewerkschaft Verdi. Eine andere Mitarbeiterin, die ebenfalls an den Versandhändler vermittelt wurde, spricht auf der Webseite gegen-hartz.de Klartext: «Hier wird auf dem Rücken der Betroffenen und des Steuerzahlers Geld zugunsten von Amazon verschwendet.»

Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch die regionale Presse in Nordrhein-Westfalen. Der Fall zeige, dass die Amazon-Erfolgsbilanz der Jobcenter ganz offensichtlich durch Tausende Euro unnötig gezahlter Hartz-IV-Bezüge und knapp 200 Euro Lohnverzicht von jedem neu eingestellten Arbeitslosen erkauft worden sei, schreibt das Online-Portal «Der Westen».

Unbezahltes Probearbeiten ist legal

Der globale Versandhändler steht jedoch auf der sicheren Seite: Zweiwöchige unbezahlte Praktika sind legal, selbst wenn die Arbeiter nicht mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag rechnen können, sondern nach den Feiertagen wieder gehen müssen. Unbefristete Verträge sind beim nach Selbstdeklaration «kundenfreundlichsten Unternehmen der Welt» die Ausnahme. Bereits letzte Woche hat die «ARD» berichtet, welchem Druck die Mitarbeiter deswegen ausgesetzt sind.

Die Gewerkschaft Verdi ist auf Anfrage von 20 Minuten Online nicht grundsätzlich gegen unbezahlte Praktika: «Sofern die von Jobcentern vermittelten Praktika dazu dienen, Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, lehnen wir diese Praxis nicht grundsätzlich ab.» Der springende Punkt sei aber, ob dauerhafte Arbeitsverhältnisse geschaffen oder ob die Betroffenen nach einer Befristung wieder in die Arbeitslosigkeit geschickt würden. Verdi kritisiert denn auch, «dass überwiegend keine festen Arbeitsplätze bei Amazon geschaffen werden.»

Laut Amazon haben von den 2000 saisonalen Kräften in Werne einige Hundert Aussicht auf eine Weiterbeschäftigung. Beim Jobcenter versteht man die Aufregung daher nicht. «Das ist ganz im Sinne des Gesetzgebers und absolut nichts Ungewöhnliches», tritt eine Sprecherin im «Westfälischen Anzeiger» den Vorwürfen entgegen, hier würden Steuergelder durch subventionierte Arbeit verschwendet.

Fakt ist jedoch, dass Deutschland dies zulässt: Um Firmen zu motivieren, Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben, subventioniert der Staat Praktika für Hartz-IV-Bezüger. Die prinzipiell sinnvolle Integrationsmassnahme kann allerdings von Unternehmen ausgenutzt werden und zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Denn Unternehmen, die neue Mitarbeiter vom ersten Tag an ohne staatliche Hilfe bezahlen, werden durch dieses System benachteiligt. Zu kritisieren sei daher nicht Amazon, sondern der Gesetzgeber, der dieses Schlupfloch schliessen müsse, folgert «Der Westen».

«Ich empfehle: Occupy Amazon»

Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forum Deutschland, macht hingegen direkt Amazon verantwortlich. Es sei unerträglich, dass ausgerechnet dieser global agierende Profiteur der Finanz- und Wirtschaftskrise sein ohnehin glänzendes Weihnachtsgeschäft subventioniert bekomme, während die Menschen zwei Wochen umsonst arbeiten müssten, um Sanktionen zu entgehen. «Das grenzt an Zwangsarbeit. Hier zeigt sich die Fratze des Kapitalismus ganz ungeniert. Ich empfehle: Occupy Amazon», sagt der Sprecher.

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