Say on Pay: Abzocker-Initiative als Vorbild für die USA?
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Say on PayAbzocker-Initiative als Vorbild für die USA?

Die Schweizer Abzocker-Abstimmung strahlt bis in die USA aus. Experten meinen, sie könnte zu einer Stärkung der Aktionärsrechte führen – wenn auch nicht in naher Zukunft.

von
pbl

Das deutliche Ja des Schweizer Stimmvolks zu Thomas Minders ist auch in den USA mit Interesse registriert worden. Grosse Medien wie die «New York Times» und das «Wall Street Journal» berichteten über den Aufstand der als wirtschaftsfreundlich bekannten Schweiz gegen überrissene Managerlöhne und für mehr Aktionärsrechte. «Wenn sich die Schweizer über die Reichen und ihr Geld ärgern, ist ein enormer Wandel im Gang», schreibt der «New York Times»-Kolumnist Roger Cohen. Er stellt die Abzocker-Initiative in eine Reihe mit den Bestrebungen der Europäischen Union, die Bankerboni zu beschränken.

In den USA, wo das individuelle «Streben nach Glück» sogar von der Verfassung garantiert wird, wäre eine solche Entwicklung kaum denkbar, vermutet Cohen. Experten aber können sich durchaus vorstellen, dass die Minder-Initiative bis nach Amerika ausstrahlen wird, zumindest wenn es um die Rechte der Aktionäre geht. Dies zeigt eine Umfrage des Magazins «Time» bei verschiedenen Analysten. Das gelte besonders für verbindliche Abstimmungen über die Saläre der Geschäftsleitungen. Das als Folge der Finanzkrise verabschiedete Dodd-Frank-Gesetz sieht nur nichtbindende Abstimmungen vor.

Warnsignal für Chefetagen

Solche «Say on Pay»-Vorschriften könnten angesichts der anhaltenden Debatte über wachsende Einkommensunterschiede und exorbitante Chefsaläre auch in den USA zum Thema werden – wenn auch nicht sofort. «In den USA kommt es nur sehr langsam zu Veränderungen, weil Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen vom heutigen System profitieren», sagte David Koenig, Chef der Investmentfirma The Governance Fund Advisors aus Minnesota. Ähnlich sieht es Stephen Davis von der Universität Harvard: «Die Abstimmung wird in den US-Chefetagen als Warnsignal aufgefasst werden, doch bis zu verbindlichen Abstimmungen über Löhne ist es ein weiter Weg.»

Dennoch könne der Nachhall der Schweizer Abstimmung der «Aktionärs-Rebellion» in den USA neuen Schwung verschaffen, mutmasst Davis. Die Anleger nutzten zunehmend die Möglichkeiten des Dodd-Frank-Gesetzes, und die Abzocker-Abstimmung könne sie in ihrem Verhalten bestärken. Robert Jackson von der New Yorker Columbia-Universität, ein Experte für Managerlöhne, vermutet laut «Time» ebenfalls, dass der «Schweizer Präzedenzfall» den Verfechtern von verbindlichen «Say on Pay»-Regeln «wichtige Munition» verschafft. An einen schnellen Wandel glaubt aber auch er nicht: «Amerikanische Regulatoren warten in der Regel ab und verfolgen, wie sich solche Änderungen in Europa auswirken.»

Weltweiter Wandel in Sicht

Längerfristig aber dürfte sich eine Stärkung der Aktionärsrechte weltweit durchsetzen. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir global verbindliche Abstimmungen haben werden», sagte Jon Terry von PricewaterhouseCoopers in London gegenüber «Bloomberg Businessweek». Noch machen die Aktionäre nur begrenzt davon Gebrauch. In den USA genehmigten sie letztes Jahr in den unverbindlichen Abstimmungen 97 Prozent aller Vergütungspläne. Doch ein Wandel zeichnet sich ab. «Der öffentliche Lärm nimmt zu, und das ist eine gute Sache», meint Terry. Denn letztlich gehe es nicht nur ums Geld, sondern vor allem um «Good Governance», um gute Unternehmensführung.

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