Aktualisiert 06.07.2016 10:01

#PrayForIraq«Ach ja, niemand schert sich um uns»

In der vergangenen Woche forderten Anschläge in der Türkei, in Bangladesh und im Irak über 300 Tote. Wo bleibt die Empörung?

von
mch
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Terror der Türkei: Am 28.Juni schossen drei Attentäter am internationalen Flughafen Atatürk in Istanbul um sich und sprengten sich anschliessend in die Luft.

Terror der Türkei: Am 28.Juni schossen drei Attentäter am internationalen Flughafen Atatürk in Istanbul um sich und sprengten sich anschliessend in die Luft.

AFP/Ozan Kose
45 Menschen starben, fast 240 wurden verletzt.

45 Menschen starben, fast 240 wurden verletzt.

AFP/Ozan Kose
Zu dem Anschlag bekannte sich bislang niemand. Die türkischen Behörden machen jedoch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Zu dem Anschlag bekannte sich bislang niemand. Die türkischen Behörden machen jedoch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

AFP/Ozan Kose

In der Nacht auf Sonntag zündeten Jihadisten im belebten Bagdader Einkaufsviertel Karada eine Autobombe und töteten damit nach aktuellen Angaben über 250 Menschen. In der Woche zuvor hatte ein Anschlag islamistischer Gotteskämpfer auf den Flughafen Atatürk in Istanbul 45 Menschenleben gefordert, und dann am Samstag richteten Terroristen 20 Geiseln in einem Café in Dhaka in Bangladesh hin. Doch wo bleibt das globale Entsetzen über die vielen Toten wie nach den Anschlägen in Paris und Brüssel?

Diese Frage stellen sich viele Dissidenten und Blogger aus den betroffenen Ländern: «Zählen in einer angeblich globalisierten Welt Nichtweisse, Nichtchristen und Nichtwestler als vollständig menschlich?», fragte sich ein syrischer Oppositioneller in Paris, Michel Kilo, wie die «New York Times» berichtet. «All diese verrückte Gewalt hat einen Zweck», sagt Kilo, der selber Christ ist. Die Terroristen wollten Reaktionen gegen Muslime provozieren und Gesellschaften spalten.

Enttäuschung auch auf Twitter

«Wieso trendet #PrayForIraq nicht?», fragt sich Razan Hasan aus Bagdad auf Twitter. «Ah ja, niemand schert sich um uns.»

Hira Saeed aus Ottawa beklagte sich, dass Facebook seinen Safety Check für Bagdad nicht aktiviert habe. Mit dieser Funktion fragt Facebook Menschen in Anschlags- oder Katastrophengebieten über ihre Handys, ob sie in Sicherheit seien. Ihre Facebook-Freunde erhalten dann eine Benachrichtigung. Laut Iraqinews.com wurde die Funktion wenige Stunden später auch für das Attentat in Bagdad aufgeschaltet.

Sayed Saleh Qazwini aus Michigan schreibt: «Entweder ist irakisches Blut zu billig, oder Mord ist normal geworden.»

Einen möglichen Grund für die relative Gleichgültigkeit beschreibt der irakische Sicherheitsexperte Sajad Jiyad. Er sei am Abend des Anschlags sogar noch im Einkaufsviertel Karada in Bagdad gewesen. Bei der Fahrt nach Hause habe er die Flammen gesehen. «Um 4 Uhr ging ich ins Bett. Ich dachte, die Situation würde sich am Morgen beruhigen, mit wohl etwa 35 Toten. Das ist halt, was im Irak passiert. Tote werden zur reinen Statistik», schreibt er. «Die Häufigkeit der Anschläge führt dazu, dass man den Schock hier im Gegensatz zu anderen Orten gar nicht richtig registriert oder einfach nicht die Zeit hat, zu trauern.»

Am nächsten Tag kletterte die Opferzahl stetig in die Höhe. «Dann machte etwas die Situation realer für mich. Etwas, was die Geschichte für mich von einer News-Story in eine persönliche Tragödie verwandelte. Mir wurde gesagt, dass ein Freund von mir vermisst werde.» Um 18 Uhr dann die Bestätigung: Unter den Trümmern wurde sein lebloser Körper gefunden.

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