Aktualisiert 10.10.2016 17:05

Syrische PRAch, wie schön ist ... Aleppo

Die syrische Tourismusbehörde preist in einem neuen Video ausgerechnet das kriegsgeplagte Aleppo als Reiseziel an. Aber eigentlich geht es um iranische Investoren.

von
gux

«Vergesst Ibiza ... die Resorts an der syrischen Küste erwachten im Sommer 2016 zum Leben, wie etwa hier in der Nähe von Tartus.» Oder: «Aleppo, heute als ‹gefährlichste Stadt der Welt› bezeichnet, rühmt sich nach wie vor eines blühenden Nachtlebens.»

Derlei Tweets setzt die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana ab – offensichtlich als Teil der jüngsten PR-Offensive der syrischen Tourismusbehörde. Diese hat eben erst ihr neustes Videowerk in Umlauf gebracht: Ausgerechnet Aleppo wird darin als Destination angepriesen, unter dem Titel «Will of Life» («Wille des Lebens»). Nicht nur Kennern der Werke Leni Riefenstahls dürfte es da kalt den Rücken hinunterlaufen. Ansonsten kommen aber auch Game-of-Thrones-Fans auf ihre «Kosten»: Mit einer arabisierten Version der Titelmelodie der Serie ist der Clip unterlegt.

PR mit Auslassungen

Drohnenaufnahmen zeigen ein Aleppo der riesigen, grünen Parkanlagen, der prächtigen Moscheen und Kirchen, der Schwimmbäder und wuselnden Strassenkreuzungen. Die Aufnahmen stammen lediglich aus dem westlichen Stadtteil mit rund 1,5 Millionen Bewohnern, der sich unter Regierungskrontrolle befindet. Die echten Touristenattraktionen der Stadt – die berühmte Altstadt Aleppos und der historische Basar, einer der grössten Märke der arabischen Welt – sind schwer beschädigt und geben keine ansprechende Visitenkarte ab. Auch dass der fast komplett zerstörte Ostteil der Stadt nicht gezeigt wird, ist nachvollziehbar: Die 250'000 eingeschlossenen Einwohner flanieren in dem von den Rebellen gehaltenen Stadtteil nicht gemächlich umher, sie rennen täglich um ihr Leben.

Doch an Auslassungen und Verzerrungen scheinen sich Chef-Touristiker Bishr Riyad Yasigi oder seine Behörde nicht besonders zu stören. Sie preisen etwa die Stadt Homs als «historisch bedeutsames Handelszentrum» an – ohne zu erwähnen, dass Kriegsverwüstungen grosse Teile des Stadtbildes prägen. Oder sie brüsten sich mit der Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers, die durch Bomben teilweise beschädigt wurde. Ein Clip voller bunter Strandbilder macht auch die von reichen Syrern in den letzten Jahren gern für Ferien genutzten Küstenorte wie Tartus oder Jableh schmackhaft – und propagiert damit eine Sicherheit, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Das machten die koordinierten Selbstmordattacken mit über 35 Toten Anfang September deutlich.

Iranischen Investoren Sicherheit vermitteln

Dass die syrische Tourismusbehörde sich trotz Bürgerkrieg mit einer halben Million Toten von PR in eigener Sache und damit einhergehenden Widersprüchen nicht abschrecken lässt, liegt an den ausländischen, vor allem iranischen, Investoren.

Ihnen gegenüber wolle das Assad-Regime «den Eindruck von Funktionalität erwecken», sagt Syrien-Kenner Daniel Gerlach gegenüber der «Welt». Die PR-Aktion solle aber nicht nur iranischen Geldgebern das Gefühl von (Anlage-)Sicherheit vermitteln, sondern auch der syrischen Regierung selbst: «Das Regime will dem eigenen Anspruch gerecht werden, eines Tages wieder die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet zu erlangen.»

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