Bono-Virus: Achtung Baby - U2 infizieren iPhones
Aktualisiert

Bono-VirusAchtung Baby - U2 infizieren iPhones

Seit Dienstagabend steht allen iPhones das neue Album der Rockband U2 zum unfreiwilligen Gratis-Download bereit. Fans freut es - doch die Aktion verärgert viele.

von
P. Stirnemann und G. Brönnimann

Mysterious (PR-)Ways: Seit der «grössten Albumveröffentlichung aller Zeiten» (Zitat Apple-CEO Tim Cook) am Dienstagabend während der Apple-Keynote gibt es das neue Album der irischen Rockband U2 für 500 Millionen Apple-Kunden als Gratis-Zwangs-Download. Zwangs-Download deshalb, weil Apple das Album wie ein Computer-Virus ungefragt in die iTunes-Mediathek jedes Nutzers geladen hat. Von dort aus wird das neuste U2-Werk automatisch auf den iPhones der User gespeichert.

Das Problem dabei ist, dass sich die digitale Scheibe nicht ohne Weiteres wieder aus der Playlist löschen lässt. Der Grund liegt darin, dass iTunes «Songs of Innocence» als «gekaufte Musik» deklariert, was bedeutet, dass das U2-Album in der Cloud abgespeichert bleibt und sich je nach Einstellung immer wieder auf dem iPhone einnistet.

U2: Stuck In Your iPhone, And You Can't Get Them Out Of It

Seit Dienstag hat der ungewöhnliche Release im Netz für ordentlich Rattle and Hum gesorgt. Auf Twitter reisst der unter dem Schlagwort «U2 Phone» gepostete Electrical (Shit-)Storm irritierter und erboster Nutzer nicht ab. Viele von ihnen fragen sich, wie man denn die aufgezwungenen «Lieder der Unschuld» aus der iTunes-Library entfernen kann. Andere, vor allem jüngere iPhone-Besitzer, reagieren eher Numb und viele wissen nicht einmal, wer U2 überhaupt sind.

Es stellen sich somit zwei Fragen: Erstens: Was bewegt eine gestandene Rockband wie U2, ein neues Album auf diese Art unter die Leute zu bringen? - Geld dürfte höchstens eine untergeordnete Rolle spielen, da die irischen Musiker in ihrer seit 1976 dauernden Karriere wohl schon genug verdient haben. Wahrscheinlicher ist, dass Bono und Co. versuchen, ihre Zuhörerschaft auf ein jüngeres Publikum auszuweiten. Das ist ihnen mit der automatisierten Veröffentlichung ihres neuen Albums sicher gelungen, da nicht alle iTunes-Nutzer mit einem digitalen War auf das aufgezwungene U2-Werk reagieren.

Kommentatoren uneinig: With Or Without fatalen Folgen?

Der Schweizer Werber Frank Bodin wertet die Aktion dennoch als Erfolg: «Ich gehe davon aus, dass sie mehrheitlich positiv aufgenommen wird - die negativen Stimmen werden wohl in der Minderheit bleiben», sagt er. Bodins Begründung: «Das ist ja ein Geschenk. Man muss es ja nicht anhören, wenn man nicht möchte - und es gäbe ja auch schlimmere Bands.» Der PR-Profi meint, das Ziel sei sicher erreicht worden: «Als PR-Aktion ist das gelungen: Apple macht erfolgreich auf seinen iTunes-Store aufmerksam.» Negative Folgen seien nicht zu erwarten, so Bodin: «Ich denke nicht, dass Apple oder U2 einen Fehler gemacht haben: Sie sind beide professionell genug, den Markt richtig einzuschätzen.»

Das sehen viele Musiker anders - unter ihnen der Schweizer Star Stephan Eicher, der gestern mit einem langen, bewegten Facebook-Eintrag alles andere als Gloria für Apple und U2 sang. Eicher sagt, die Band erweise den Musikschaffenden - und damit meint er nicht nur die Stars auf der Bühne, sondern «die Leute, die beim Label, in der Promo, in der Produktion der Musik, bei der Distribution» arbeiten - einen Bärendienst.

Die Präsentation der Musik auf der Bühne unter den grossen Lettern «Free» (Gratis) und die Gratis-Distribution seien keine gute Idee - im Gegenteil, sagt Eicher: «Ich persönlich finde, was U2 und Apple gerade getan haben, ist sehr gefährlich und irreführend. Musik gratis als PR-Stunt abzugeben und dafür noch Applaus zu ernten, das lässt uns andere Musiker einfach nur sprachlos zurück.»

How to Dismantle U2 From Your iPhone

Womit wir bei der zweiten, für viele iPhone-Besitzer viel wichtigeren Frage wären: Gehört das neue U2-Album zu All That You Can't Leave Behind, respektive Wie kann man die «Songs of Innocence» wieder loswerden?

Auf den ersten Blick scheint das ziemlich einfach. Um einen Song vom Smartphone zu löschen, muss lediglich mit dem Finger drübergewischt und anschliessend auf «Löschen» geklickt werden. Der Track verschwindet daraufhin - aber nicht komplett. Er wird zurück in die Cloud geschickt, wo er in der Album-Liste verbleibt. Um zu verhindern, dass das Musikstück erneut automatisch heruntergeladen wird, müssen in den iTunes-Einstellungen einerseits die «Zeige alle Musik»-Funktion und andererseits die automatischen Downloads deaktiviert werden. Um die neuen Einstellungen zu aktivieren, muss iTunes anschliessend neu gestartet werden.

Allerdings versteckt man die Songs auf diese Weise lediglich vor der Mediathek. Eine Möglichkeit, das Bono-Virus respektive das neue U2-Album permanent aus iTunes zu löschen, gibt es nicht. Oder, um es mit anderen (U2-)Worten zu formulieren: Hold me, Thrill Me, Kiss Me, (But Can't) Kill Me!

Zweifelsohne hat der «Zwangs-Release» des neuen U2-Albums einen digitalen Flächenbrand, wenn nicht gar ein Unforgettable Fire, ausgelöst. Ob die User-Reaktionen von den irischen Alt-Rockern und Apple allerdings so beabsichtigt waren, bleibt fraglich - vielleicht wird Apple in Zukunft Musik nur denjenigen Nutzern gratis zur Verfügung zu stellen, die sie auch wirklich aktiv wollen. Das wird dann der Tag sein, an dem die Liebe der Nutzer auch wieder im iTunes-Dorf Einzug halten wird.

Zum Schluss noch dies: Gemäss einem Bericht des Musikmagazins «Rolling Stone» liegen die Download-Zahlen von «Songs of Innocence» trotz Bono-Virus derzeit weit unter den Erwartungen.

Deine Meinung