Aktualisiert 18.06.2014 14:00

Ab in den Benimm-Kurs!

Achtung, darum versagt Ihr Kind im Kindergarten

Viele Kinder sind bereits im Kindergarten überfordert. Schuld daran sind überbesorgte oder desinteressierte Eltern und Tussi-Mütter.

von
D. Pomper

Weil viele Kinder im Kindergarten völlig überfordert sind, werden Crashkurse für Kindergärtler angeboten. Dort lernen sie zuzuhören und nicht zu drängeln - und bekommen sogar einen Bildungskoffer. Doch warum kommen die Kleinen so früh schon an den Anschlag? Ruth Fritschi vom Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband erläutert die fünf wichtigsten Gründe.

1. Eltern, die keine Zeit haben

«Viele Eltern nehmen sich wenig qualitative Zeit für ihre Kinder. Alles muss schnell gehen, sie sind ungeduldig. Viele Eltern investieren mehr Zeit in ihre Arbeit, die Ferienplanung und in ihr persönliches Outfit als in ihre Kinder. Dabei wäre es so wichtig, dass sich Eltern mehr Zeit nehmen für gemeinsames Tun und Erleben. Oft fehlt die nötige Ruhe und Gelassenheit.»

2. Eltern, die sich nicht dreckig machen wollen

«Für viele Mütter ist es heutzutage wichtig, einfach gut auszusehen. Sie haben keine Lust mit den Kindern zu spielen, wenn sie dabei schmutzig werden. Erst kürzlich habe ich eine junge Mutter mit Pumps beobachtet, die ihrem Kind das Velofahren beibringen wollte: Als ihr dabei der künstliche Fingernagel abbrach, rief die Mutter aus. Andere Eltern wiederum verbieten ihren Kindern in Pfützen zu stehen, weil sie keine Lust auf schmutzige Wäsche haben. Oder sie geben ihren Kindern keine Schere, weil sie damit ein Loch in ihre Kleider schneiden könnten. Kein Wunder, weiss das Kind dann nicht, wie man eine Schere richtig hält.»

3. Bequeme Eltern

«Vielen Eltern fällt es schwer, Grenzen zu setzen. Denn Grenzen setzen und diese konsequent durchzusetzen ist anstrengend und braucht Ausdauer. Neulich beobachtete ich ein kleines Kind, das mit seinem neuen Kindervelo an der Kasse den Ständer abräumte. Doch anstatt es zurechtzuweisen, liessen die Eltern es weitergewähren. Im Kindergarten haben solche Kinder dann Mühe, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht sofort gestillt werden. Regeln einhalten fällt solchen Kindern sehr schwer.»

4. Passive Eltern

«Ich beobachte vermehrt Mütter, die sich mit ihren Kolleginnen um den Sandkasten versammeln, rauchen, quatschen und hauptsächlich mit sich selber beschäftigt sind. Sie greifen erst ein, wenn es kracht. Die wenigsten setzen sich mit den Kleinen in den Sandkasten und setzen sich mit ihnen auseinander.

In mehreren Städten werden deshalb Eltern Kurzvideos gezeigt, die zeigen, was man mit einem Kind bis vier eigentlich machen kann, damit es sich optimal entwickelt und nicht zu einem «Problem-Kindergartenkind» wird. Auf der Seite kinder-4.ch sind vierzig Kurzvideos aufgeschaltet, die Eltern dazu bewegen sollen mit ihren Kindern zu kochen, zu backen, zu basteln, in die Natur zu gehen oder eine Bibliothek zu besuchen. Vor allem bildungsfernen Eltern ist nicht bewusst, dass man auch kleine Kinder sinnvoll beschäftigen kann.»

5. Übervorsichtige Eltern

«Es gibt Eltern, die ihren Kindern verbieten, auf eine Mauer zu steigen, weil sie herunterfallen könnten. Solche Erfahrungen sind aber wichtig, weil ein Kind sonst nicht lernt, seinen Körper zu spüren und etwa zu balancieren. Auch gebildete Eltern sind oft unsicher und überbesorgt, weil sie zu viele Informationen und Meinungen von anderen haben.

Lernen Kinder nicht bis zu ihrem vierten Lebensjahr sich frei zu bewegen, sind Übungsprogramme notwendig, in denen die verpassten Erfahrungen nur mühsam aufgearbeitet werden können. Darum gehen viele Kindergärtner mit den Kindern bewusst in die Natur und lassen sie dort herumturnen.»

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