Gewagte Performance: Action-Game «GTA IV» auf die Bühne gebracht
Aktualisiert

Gewagte PerformanceAction-Game «GTA IV» auf die Bühne gebracht

Für das Theaterstück «Yet Another World» hat das Ensemble Extraleben eine spezielle Bühne gefunden: das Action-Game «GTA IV». 20 Minuten hat die Macher bei den Vorbereitungen getroffen.

von
Jan Graber

Eine riesige Leinwand. Darauf, für alle «GTA»-Fans sofort erkennbar: Liberty City, das virtuelle Abbild New Yorks. Eine Figur lässt sich durch die virtuelle Stadt treiben, ein Sprecher verleiht ihr eine Stimme. Vor der Leinwand: die Zuschauer. Sie sitzen an Spielkonsolen und steuern auf ihrem Bildschirm einen Avatar durch das künstliche New York, drei Zuschauer pro Konsole.

Angeleitet werden sie von der Stadtführerin Oona, welche sie durch die Stadt führt. Im selben (realen) Raum: Ein Tisch mit Kabelsalat, zwei weiteren Spielstationen, einem Videoschnittpult und einem Audiomixer. Dahinter vier Personen, Teil des Theaterensembles Extraleben: Sie orchestrieren den Verlauf des Stücks.

Aufheben der Grenzen

«Wo ist die Bühne? Spiele ich selbst ein Rolle im Stück?», dürfte sich manch ein Zuschauer fragen, der in der Gessnerallee Zürich «Yet Another World» besucht. Mit dem Theaterstück versucht Extraleben mit performativen Mitteln und dem Game GTA IV die Grenzen zwischen Realität und virtueller Welt aufzuheben.

Die Idee zu «Yet Another World» kam Benjamin Burger, der mit Anne-Süster Andresen Regie führt, vor drei Jahren. Der studierte Kommunikationsdesigner Burger wollte das Action-Adventurespiel «GTA IV herunterbrechen und es gegen seine Intention nutzen», wie der 29-Jährige sagt: «Bei GTA IV handelt es sich letztlich um nichts anderes als um ein Marionettenspiel, in dem Hauptfiguren, Statisten, eine Bühne und die Gamecontroller als Marionettensteuerungen vorkommen.» Seine Idee: Ähnlich wie bei Machinima-Filmen könnte man die Spielwelt als Bühne benutzen und in ihr eine völlige andere Geschichte erzählen.

Brechen der Illusion

Den passenden Inhalt dazu fanden Burger und Andresen im Roman «Chronic City» von Jonathan Lethem: Das Buch spielt in einem desolaten New York, bei dem unklar bleibt, ob es sich um eine Kulissenstadt oder lediglich um eine eigenartige Welt handelt. Extraleben transponierte die Geschichte um die Romanfiguren Chase, Perkus und Oona in die virtuelle «GTA»-Welt und schuf daraus ein Theaterstück, das mit Illusionen und deren Auflösung spielt. «Mit Theater werden ebenso künstliche Räume geschaffen wie in einer Spielwelt», sagt Burger.

Das Ensemble Extraleben jedoch bricht die Illusion, indem die Technik und alle Tricks, die angewendet werden, für die Zuschauer frei einsehbar sind: Sie sehen, wie der Videoschnittmeister den Bildschirm umschaltet, die zwei Spieler des Ensembles das virtuelle Geschehen auf der grossen Leinwand steuern und damit die Kameraperspektive beeinflussen und wie die Schauspieler ihre Texte zum Stück ins Mikrofon sprechen.

Aufwändiges Location-Scouting

Um die Story nach den eigenen Bedürfnissen zu bestimmen, wurde das Game indes nicht wie in vergleichbaren transmedialen Events umprogrammiert. Hingegen mussten die richtigen Plätze mit den passenden virtuellen Statisten und Wetterbedingungen im Open-World-Game gefunden werden. Ähnlich wie beim Film war dafür ein aufwändiges Location-Scouting notwendig. «Es war schwierig, das Game in den Griff zu bekommen», verrät Burger. Auf ins Spiel integrierte Filmsequenzen oder Missionen verzichtet «Yet Another World» hingegen vollständig – das Theaterstück nutzt lediglich die Kulisse und das Medium der Interaktivität für das Stück.

«Uns interessiert auch, was durch die Zuschauer passiert», sagt Anne-Süster Andresen abschliessend. Nichts sei vorproduziert, alles sei live und es könne jederzeit etwas schiefgehen. Da die Avatare der Zuschauer selbst Teil des Stücks sind, lässt sich nur beschränkt vorausplanen, was geschieht. Dies einzuüben habe viel Zeit gebraucht. Andresen: «Die Performance kann auch scheitern.»

«Yet Another World» wird vom 26. bis 30. April in der Gessnerallee Zürich aufgeführt. Eintrittspreis: 16 Franken, maximal 39 Zuschauer pro Aufführung. Die Premiere ist ausverkauft.

www.gessnerallee.ch

Trailer zu «Yet Another World»:

Extraleben

Das Theaterkollektiv Extraleben entwickelt laut eigenen Angaben Aufführungen, «die durch die verschiedenen Dimensionen der Medien Wirklichkeiten zwischen Fiktion und Realität konstruieren.» Extraleben stehe als Label für die Inszenierung von gestalteten «Erfahrungsräumen». An «Yet Another World» arbeiten mit: Benjamin Burger (Regie, Game Performance, Leitung & Visuals), Anne-Süster Andresen (Regie, Videopult), Maike Thies (Textbearbeitung), Johannes Semm, Marco Zbinden (Sprecher), Marie Gesien (Host), Fiona-Laura Stifter (Game Performance), Ray Herlitz (Szenografie), Ray Dio (DJ).

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