Schmerzlich vermisst: Adieu Max!

Aktualisiert

Schmerzlich vermisstAdieu Max!

«Max Payne 3» schickt Ballermänner nach Brasilien. Mit dem alten Max hat die neue Figur aber nicht mehr viel am Hut. Ein persönlicher Abschiedsbrief von einem alten Haudegen.

von
Jan Graber
Er sieht zwar gleich aus, ist aber nicht mehr der alte: Max Payne ist abgebrühter und kälter geworden. Payne-Fans sind enttäuscht.

Er sieht zwar gleich aus, ist aber nicht mehr der alte: Max Payne ist abgebrühter und kälter geworden. Payne-Fans sind enttäuscht.

Hi, Max! Mann, wie hatte ich mich darauf gefreut, dich wiederzusehen! Ein paar Dudes aus Deutschland hatten kürzlich Filme von dir gezeigt. Wie du auf Mission bist, blutend, fluchend, aber verbissen dein Ziel verfolgst und souverän mit dem Gesindel aufräumst, während du das Geschehen auf deine dir eigene Art kommentierst: mit bitterem Sarkasmus und einem scharfen Blick aufs Wesentliche. Ich dachte: «Cool, Max ist ganz der Alte!»

Dann traf ich dich in Fleisch und Blut. Oder zumindest fast, auf jeden Fall zum Greifen nah. Da warst du: Kernig wie eh und je. Ein bisschen verlebter und heruntergekommener zwar, aber ein Flasche Whisky pro Tag schüttet man ja auch nicht einfach so weg, ohne dass sie dich verbrennt und Spuren hinterlässt. Das gehörte zu dir, wie auch deine Bitterkeit.

Wie in Zeitlupe

Gemeinsam zogen wir los. Nach Brasilien, wo ein neues Leben auf dich wartete: Aus deinem Job als New Yorker Cop hattest du dich verabschiedet und in den Bars des Big Apple deinen Kummer ertränkt. In Brasilien sollten wir eine reiche Familie beschützen. Du nahmst den Job mit gemischten Gefühlen an.

Immer wenn wir gemeinsam unterwegs sind, lässt die Action nicht lange auf sich warten. Bald schon pfeifen uns die Kugeln um die Ohren. Und ich weiss: Ich kann mich auf dich verlassen, noch immer beherrschst du die coolen Moves. Wie du aus den Knien federnd abhebst zu einem Sprung aus der Schusslinie und gleichzeitig aus vollen Rohren Löcher in die Feinde schiesst – während alles wie in Zeitlupe abläuft. Dass dir die Schmerzmittel dabei oft zu schnell ausgehen, schlucke ich ohne Murren.

Nicht jedoch, dass du dich verändert hast – zum Unguten. Deine inneren Monologe treffen zwar noch immer den Kern, doch sie wirken aufgesetzt und künstlich. Früher warst du menschlicher, verletzlicher. Weil du ursprünglich aus Finnland stammtest, hattest du etwas Europäisches, Tiefgründiges. Dann gingst du nach Amerika. Jetzt wirkst du wie ein Navy Seal, abgebrüht und kalt. Zusammen mit Sam Fisher könntest du eine Splinter Cell gründen.

Fehlender Glaube

Wenn wir von Schlachtfeld zu Schlachtfeld ziehen und reihenweise Drogendealern, Söldnern und Gangmitgliedern die Lichter ausknipsen, erledigen wir die Missionen mechanisch: Wie Maschinen stanzen wir Loch um Loch in die Feinde. Max, du kämpfst nicht mehr für die Liebe, für den Glauben, für eine Mona Sax oder deine verstorbene Frau und dein Kind. Du kämpfst seelenlos und leer.

Selbst deine grandiose Idee, dir den Kopf zu rasieren, wirkt gesucht. Menschen mit schütterem Haaransatz rasieren sich den Kopf. Oder Skinheads und all jene, die ihre Härte mit einer blanken Kugel unter Beweis stellen wollen. Aber du? Max Payne? Der Held, der keinen Wert auf sein Äusseres legt, weil er nichts mehr beweisen muss?

Und so erkenne ich: Du bist doch nicht mehr der alte. Du hast dich von mir und vielen deiner Freunde entfernt, bist ein anderer geworden – hart, kalt, überlegen. Viele werden dich gerade deswegen bewundern und lieben. Alle anderen vermissen jedoch das, was einst hinter der Fassade sichtbar wurde – dich, den wahren Max Payne.

Lieber Max, ich werde dich trotzdem weiter auf deinen Missionen begleiten. Danach werden sich unsere Wege aber trennen. Es sei denn, dass du wieder zu dir kommst und dich selber findest. So dass du wieder ganz der Alte wirst.

Lesen Sie hier eine Gegendarstellung von Patrick Toggweiler.

Gametrailer «Max Payne 3»

Die «Max Payne»-Reihe

Erfunden wurde Max Payne vor zehn Jahren vom finnischen Entwicklerstudio Remedy. Das Studio brachte den ersten und zweiten Teil von «Max Payne» heraus, beide Titel waren bekannt für ihren Film-Noir-Stil, die tiefgründige Story, den bitteren Sarkasmus der Hauptfigur und die Comicsequenzen, mit denen die Ladezeiten des Spiels überbrückt wurden. Eine Neuerung, die in der Folge Schule machte, war auch die sogenannte Bullettime: die Verlangsamung der Zeit, in der Max in Ruhe seine Feinde abknallen konnte. Dafür hatte er keine Möglichkeit, in Deckung zu gehen.

2004 übernahm das amerikanische Studio Rockstar («GTA», «Red Dead Redemption») die Entwicklung von «Max Payne 3». Es ist der erste reine 3rd-Person-Shooter des Studios; Rockstar ist eher bekannt für seine Open-World-Spiele, in denen Spieler sich frei in der Gamewelt bewegen und neben der Hauptmission zahlreiche Nebenmissionen erfüllen.

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