Cancel Culture - Adolf Muschg entschuldigt sich nicht für seinen Auschwitz-Vergleich
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Cancel CultureAdolf Muschg entschuldigt sich nicht für seinen Auschwitz-Vergleich

«Ich habe keinen Vergleich gemacht», sagt Adolf Muschg über seine kontroversen Aussagen zur Nazi-Zeit in der Sendung «Sternstunde Philosophie».

von
Marcel Urech

Adolf Muschg vergleicht die «Cancel Culture» mit der Nazi-Zeit.

20 Minuten

Darum gehts

  • Ein Auschwitz-Vergleich von Adolf Muschg in «Sternstunde Philosophie» hat für Furore gesorgt.

  • Jüdische Verbände kritisieren den Schweizer Schriftsteller nun scharf.

  • Muschg will sich trotzdem nicht für seine Wortwahl entschuldigen.

Adolf Muschg hat mit folgender Aussage einen Shitstorm ausgelöst: «Die ‹Canceling Culture›, die wir heute haben […] ist im Grunde eine Form von Auschwitz». Das sagte der 86-Jährige in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie». Entschuldigen werde er sich für diese Äusserung nicht, lässt der 86-jährige Schweizer Autor nun gegenüber den Zeitungen von CH Media verlauten.

Muschg fordert offenen Diskurs

«Ich habe keinen Vergleich gemacht», sagt Muschg gegenüber der Zeitung. Er habe bloss gefragt, wo der Weg hinführe, und «wieviel Gespräch» mit der anderen Seite möglich sei. Die Cancel Culture schliesse Menschen aus dem humanen Diskurs aus, man zeichne sie. «Und dieses Zeichnen von Menschen hatten wir im Krieg mit dem Judenstern, wir hatten es in der Schweiz mit dem J, das man den Juden in den Ausweis stempelte.»

Wenn man Menschen vom Diskurs ausschliesse, dann eliminiere man sie aus der eigenen Welt und baue sich eine ganz eigene. «Das ist ein fürchterliches Fantasma, wie Hitlers Rassenkunde», so Muschg.

Ihm sei zwar bewusst, dass das Wort Auschwitz ein Reizwort sei. Aber Auschwitz sei nun mal «keine Ausnahme in der Menschheitsgeschichte», sagt Muschg weiter. Dieses Thema habe er bereits in den 90er-Jahren thematisiert, in seiner Publikation «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt».

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Adolf Muschg (86) ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz. Nun hat er mit einer brisanten Aussage für Aufsehen gesorgt. 

Adolf Muschg (86) ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz. Nun hat er mit einer brisanten Aussage für Aufsehen gesorgt.

Screenshot SRF
Als Gast von SRF-Moderator Yves Bossart bei «Sternstunde Philosophie» tat Muschg seine Meinung zur «Cancel Culture» kund. 

Als Gast von SRF-Moderator Yves Bossart bei «Sternstunde Philosophie» tat Muschg seine Meinung zur «Cancel Culture» kund.

Screenshot SRF

Es hagelt Kritik

Jüdische Verbände kritisieren Muschg derweil scharf. «Zuerst waren wir irritiert, doch nun sind wir schockiert», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), der die Schweizer Jüdinnen und Juden vertritt, gegenüber den Zeitungen von CH Media.

Es könne zwar allen passieren, sich einmal ungeschickt zu äussern. Muschg sehe seinen Fehler aber nicht ein, und eine solche Haltung habe man «von einem Intellektuellen» nicht erwartet, so Kreutner. Es sei geschmacklos, dass er das Leid in Auschwitz und die Judenverfolgung in dieser Form banalisiere – und es schmerze. «Jetzt ist eine Entschuldigung – ohne zu relativieren – angebracht», fordert Kreutner.

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus äusserte sich gegenüber der Zeitung. Die Aussage von Muschg sei nicht nachvollziehbar und verwerflich, sagte die Vizepräsidentin Nora Refaeil. «Es stellt sich die Frage, warum ein Mensch den Genozid an Juden relativieren muss, um die eigene Position aufzuwerten. »

SRF-Moderator sagt sorry

Kritisiert wurde Muschg unter anderem von Philipp Sarasin. «Herr Muschg sollte sich in Grund und Boden schämen», twitterte der deutsche Geschichtsprofessor. «Es ist absolut unverständlich, warum der Moderator @YvesBossart1 das unwidersprochen einfach stehen lässt. Unfassbar.»

Bossart reagierte in einem Tweet auf die Kritik: «Leider macht Adolf Muschg in dem Gespräch einen absurden Vergleich der so genannten Cancel Culture mit Auschwitz. Ich kritisiere zwar seine Haltung, habe aber verpasst, den absurden Vergleich zu thematisieren. Dafür entschuldige ich mich.»

KONZENTRATIONSLAGER DER NATIONALSOZIALISTEN

Auschwitz

Auschwitz in Polen wurde von den deutschen Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg zwischen 1940 und 1945 als Konzentrations- und Vernichtungslager genutzt. Juden aus ganz Europa sowie nicht nationalsozialistische Anhänger und Gruppen wurden von den Nazis per Zug ins KZ deportiert, für Zwangsarbeit eingesetzt, gefoltert und in Gaskammern getötet. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich Schätzungen zufolge auf 1,1 bis 1,5 Millionen. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz ist seit 1996 in Deutschland und seit 2005 international der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

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