Aufruhr in Nahost: «Ägypten ein zweiter Iran? Ach was!»
Aktualisiert

Aufruhr in Nahost«Ägypten ein zweiter Iran? Ach was!»

«Spiegel»-Korrespondent Volkhard Windfuhr spricht über Mubaraks Ausharren, seinen aussichtsreichsten Nachfolger und die gefürchteten Muslimbrüder.

von
Peter Blunschi

Sie waren am Dienstag in Kairo unterwegs. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?

Volkhard Windfuhr: Die Menschen waren sehr aufgewühlt, und nach der Rede von Mubarak am späten Abend hat sich die Erregung nicht wirklich gelegt. Jetzt soll es Pro-Mubarak-Kundgebungen geben, aber das war zu erwarten. Die Grundhaltung im Volk hat sich nicht verändert.

Wie sieht die aus?

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung will, dass Mubarak das Land verlässt oder sein Amt relativ bald niederlegt, dass er seinen Sohn nicht für die Nachfolge kandidieren lässt und das Parlament auflöst. Alles andere wäre nicht zufriedenstellend.

Kann sich Mubarak so bis September im Amt halten?

Das ist sehr unwahrscheinlich.

Könnte das Militär ihn zum Rückzug zwingen?

Ich schliesse das nicht aus. Es gibt jetzt schon gewisse Gegensätze zwischen Armeeführung und Polizei. Da bewegt sich einiges. In welche Richtung wird man sehen. Wenn in einem so grossen Land so grosse Dinge geschehen, ist die Entwicklung schwer absehbar. Es ist keine Frage von Stunden, aber innerhalb der nächsten zehn Tage wird man mehr wissen.

Wer wäre die Alternative zu Mubarak?

Der populärste Politiker des Landes, wenn nicht der arabischen Welt, ist Amr Mussa, der Generalsekretär der arabischen Liga. Er hat sich bei den Amerikanern mit harschen Äusserungen in der Palästina-Frage nicht sehr beliebt gemacht. Ich habe mit ihm gesprochen, er sagt, er wäre bereit, das Amt zu übernehmen, dränge sich aber nicht vor.

Welches wären seine Chancen?

Wenn er morgen kandidieren würde, erhielte er mindestens 80 Prozent der Stimmen. Mohammed al-Baradei hingegen ist im Volk kaum populär.

Was halten Sie von der Angst des Westens vor den Muslimbrüdern?

Sie ist übertrieben. Die Bruderschaft ist nicht die Dampfwalze, als die sie oft dargestellt wird, ihr fehlt die Durchschlagskraft. In freien Wahlen käme sie auf höchstens 28 Prozent, und das ist schon viel. Wieder im Kommen ist dagegen eine traditionelle Kraft, die Wafd-Partei. Sie ist sehr patriotisch und gut aufgestellt und schon jetzt mindestens die zweite Kraft.

Ägypten wird also kein zweiter Iran?

Ach was! (lacht) Das ist vollkommen ausgeschlossen. Der Chef der Bruderschaft hat mir selbst gesagt, er rechne mit etwa 120 Sitzen im Parlament. Das ist gerade mal ein Viertel. Seine Anhänger haben auf diese Aussage ziemlich enttäuscht reagiert…

Wie steht es um die Versorgungslage in Kairo?

Die Preise gehen in die Höhe, das ist natürlich schlimm. Aber ich habe den libanesischen Bürgerkrieg erlebt, da lief es noch ganz anders. Ich denke, es wird nicht lange anhalten. Die Lage wird sich schnell ändern, sobald die Ausgangssperre gelockert wird.

Es gab Berichte über Chaos und Plünderungen.

Die hat es gegeben, auch weil die Gefängnisse geöffnet wurden. Die Gefangenen, darunter auch Schwerverbrecher und Mörder, wurden teilweise rausgejagt. Ich weiss das von einem Häftling, der wegen Haschischrauchen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in Sträflingskleidern hinausgetrieben wurde.

Das würde Berichte bestätigen, wonach Elemente im Regime absichtlich Chaos stiften wollten.

Was wir wissen, weist in diese Richtung. Wir gehen davon aus.

Werfen wir noch einen Blick über die Grenze. In welchem Land könnte sich die nächste «Explosion» ereignen?

Ziemlich sicher im Sudan, genauer im Norden des Landes. Das hängt nicht nur mit den Ereignissen in Tunesien und Ägypten zusammen, sondern auch mit der nun beschlossenen Loslösung des Südsudan. Sie erhöht den Druck auf das islamistische Regime.

Was ist mit Muammar Gaddafi, dem speziellen «Freund» der Schweiz?

Gaddafi ist noch nicht gefährdet. Er regiert seit 42 Jahren, westliche Staatsmänner wie Tony Blair und Gerhard Schröder haben ihn umarmt. Er hat auch nicht mehr die terroristischen Möglichkeiten wie einst und plant meiner Ansicht nach auch keine mehr.

Was ist mit dem Druck von der Strasse?

Den gibt es in Libyen nicht.

Der 73-jährige Volkhard Windfuhr kennt Ägypten seit mehr als 50 Jahren. Er studierte orientalische Sprachen in Kairo, seit 1976 lebt er als Korrespondent des deutschen Magazins «Der Spiegel» in der ägyptischen Hauptstadt. Windfuhr gilt als einer der renommiertesten Nahost-Experten, für seine Leistungen zur Förderung der deutsch-arabischen Verständigung erhielt er 2002 das Bundesverdienstkreuz.

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