Revolution verschlafen: Ägyptens Muslimbrüder spielen Politik
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Revolution verschlafenÄgyptens Muslimbrüder spielen Politik

Die blutigen Proteste haben die Islamisten auf dem falschen Fuss erwischt. Sie wollen am Montag an die Urne gehen - doch für die Jugend auf dem Tahrir-Platz muss zuerst die Armee abtreten.

von
kri
Nicht alle Muslimbrüder blieben den Protesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo fern.

Nicht alle Muslimbrüder blieben den Protesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo fern.

Für die ägyptischen Muslimbrüder sah es lange Zeit wie ein Spaziergang an die Macht aus. Ohne grosses Zutun ihrerseits räumte die Revolution Anfang Jahr Hosni Mubarak aus dem Weg, der sie während seiner 30-jährigen Herrschaft brutal unterdrückt hatte. Freien Wahlen konnten sie dank ihrer hervorragenden Organisation und Verankerung in der Unter- und Mittelschicht gelassen entgegensehen, wie der Urnengang in Tunesien eindrücklich bestätigte. Die islamistische Ennahda-Partei kam dort auf einen Stimmenanteil von 40 Prozent. Doch kurz vor dem Wahltermin kommt die fromme Erfolgsgeschichte ins Stocken. Die Muslimbrüder tun sich schwer, eine angemessene Antwort auf die jüngsten Proteste auf dem Tahrir-Platz zu finden und laufen Gefahr, Sympathien in der Bevölkerung einzubüssen.

Am Dienstag hatten sie sich der Forderung nach einem Millionenmarsch verschlossen und stattdessen mit dem Obersten Militärrat vereinbart, die Präsidentschaftswahlen auf den Juni 2012 vorzuziehen. Somit würden die Generäle die Macht im Staat im Juli an einen gewählten Zivilisten übergeben. Der Jugend auf dem Tahrir-Platz ist das nicht früh genug. Sie fordert den sofortigen Rücktritt der Militärs und die Einsetzung einer Übergangsregierung der nationalen Einheit. Die Überlegungen der Muslimbrüder sind offensichtlich: Je schneller die Parlamentswahlen über die Bühne gehen, desto schneller können sie ihren grossen Rückhalt in der Bevölkerung in politischen Einfluss ummünzen. Doch solange auf den Strassen Chaos herrscht, besteht die Gefahr, dass der Oberste Militärrat den Urnengang verschiebt.

Opfer der eigenen Überlebensstrategie

Für die demokratische Entwicklung Ägyptens wäre es zweifellos wünschenswert, wenn sich sobald wie möglich ein gewähltes Parlament an die Ausarbeitung einer neuen Verfassung macht. Doch eine Revolution hat ihre eigenen Gesetze. Die Frustration über die Weigerung der Militärs, einen genauen Fahrplan für die Machtübergabe an eine zivile Regierung bekannt zu geben, hat die Parlamentswahlen in den Hintergrund gerückt. Dass sich die Muslimbürder an ihre Machtoption klammern und in einer derart hitzigen Phase des Aufstandes mit dem Militär paktieren, kommt bei vielen Ägyptern nicht gut an. «Die Islamisten spielen Politik», zitiert die «New York Times» den 32-jährigen Mohamed Ezzat in seinem Laden in der Nähe des Tahrir-Platzes. «Sie realisieren nicht, dass das Schicksal des Landes auf der Strasse entschieden wird.»

Wirklich erstaunt ist über die Anpassungsfähigkeit der Muslimbrüder niemand. «Sie sind Anpässler, keine Radikalen», sagte Samer Shehata, eine ägyptische Wissenschaftlerin an der Georgetown University. Die Gruppe sei stets «risikoscheu» gewesen. Ironischerweise war genau diese Fähigkeit Voraussetzung für ihr Überleben in den Jahrzehnten der Unterdrückung. Jetzt, wo sie die Früchte ihrer Beharrlichkeit ernten wollen, wird ihnen ihr Pragmatismus zum Nachteil ausgelegt.

Junge Mitglieder uneins mit Führungsriege

Auch innerhalb ihrer Reihen regt sich Widerstand. «Das Morden hat nicht aufgehört», schrieb Mohamed Beltagy, Generalsekretär der islamistischen Freiheits- und Gerechtigkeitspartei in einer Erklärung. Am Samstag hatte er sich entgegen der offziellen Position für eine Teilnahme der Muslimbrüder an den Demonstrationen ausgesprochen. «Wir sollten vor Ort sein, die Demonstranten beschützen und die Zugangsstrassen sichern, und nicht vor der Krise davonlaufen», sagte er in einem Interview. Zahlreiche Beobachter hatten darauf hingewiesen, dass die Muslimbrüder die Gewalt hätten verhindern können, wenn sie ihre Anhänger auf den Tahrir-Platz geschickt hätten. Beltagy selbst ging hin und viele junge Parteimitglieder folgten ihm, wofür ihn die ältere Führungsriege scharf kritisierte.

Analysten vermuten, dass sich die Muslimbrüder mit ihrem versöhnlichen Kurs gegenüber dem Militär grob verspekuliert haben. Die Annahme, dass für die Ägypter ausserhalb Kairos Stabilität mehr zählt als der sofortige Übergang zu einer zivilen Regierung, könnte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen. Emad Shahin, ein ägyptischer Wissenschaftler von der University of Notre Dame, prophezeite den Islamisten einen Denkzettel, sollte am Montag gewählt werden: «Sie haben Glaubwürdigkeit» eingebüsst.

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