Corona: Alte in China wollen keine Impfung

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Corona-WelleÄltere Menschen in China wollen keine Impfung

Die jüngste Corona-Welle in China stellt vor allem für ältere Einwohner eine Gefahr dar – und davon gibt es 191 Millionen im Land. Die Behörden versuchen, sie zur Impfung zu überreden – auch mit Geld.

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Die ältere Bevölkerung Chinas traut den heimischen Vakzinen nicht: Eine Frau wird geimpft. (Archivbild)

Die ältere Bevölkerung Chinas traut den heimischen Vakzinen nicht: Eine Frau wird geimpft. (Archivbild)

AFP
Mit umgerechnet 67 Franken sollen über 65-Jährige zur Impfung überredet werden.

Mit umgerechnet 67 Franken sollen über 65-Jährige zur Impfung überredet werden.

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Wegen der Null-Covid-Politik sahen bis jetzt viele Ältere keinen Druck, sich impfen zu lassen.

Wegen der Null-Covid-Politik sahen bis jetzt viele Ältere keinen Druck, sich impfen zu lassen.

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Darum gehts

  • China wird nach der Aufhebung der Null-Covid-Politik von einer Corona-Welle überrollt.

  • Anscheinend gibt es unter den Älteren häufiger schwere Verläufe.

  • Aber gerade die über 65-Jährigen zögern bei der Impfung.

Sogar mit Geldgeschenken versuchen Chinas Behörden Leuten über 60 eine Impfung gegen das Coronavirus schmackhaft zu machen. Das Land wird nach der Aufhebung der Null-Covid-Strategie von einer Corona-Welle überrollt, und anscheinend häufen sich schwere Verläufe unter den Älteren. Aber trotzdem hätten seine Freunde Bedenken, ihre Ärmel für die Spritze hoch zu krempeln, sagt der 64-jährige Li Liansheng: Sie seien alarmiert von Berichten über Fieber, Blutgerinnsel und andere Nebenwirkungen der Impfung mit den chinesischen Vakzinen. 

«Wenn Leute von solchen Vorfällen hören, sind sie vielleicht weniger bereit, sich impfen zu lassen», so Li, der sich selbst eine Impfung verpassen liess, bevor er sich Covid-19 einfing. Er war zehn Tage lang krank und leidet immer noch etwas an Halsschmerzen und Husten. Aber er vergleicht seinen Krankheitsverlauf mit einer «normalen Erkältung» mit leichtem Fieber. 

China nahm Durchseuchung in Kauf

Anderen geht es schlechter. Viele Krankenhäuser in China sind derzeit mit fiebrigen, nach Atem ringenden Patienten überflutet – vor allem sind es Ältere. Mehr als zwei Jahre lang hatte Chinas Null-Covid-Politik mit massiven Lockdowns, rigiden Quarantänevorschriften und Massentests die Corona-Zahlen niedrig gehalten. Doch Anfang Dezember schwenkte die Volksrepublik abrupt um und nahm damit eine Durchseuchung der Bevölkerung in Kauf.

Chinas nationale Gesundheitsbehörde hat in diesem Monat bislang nur sechs Todesfälle im Zusammenhang mit Covid vermeldet, was die offizielle Zahl auf 5241 gebracht hat. Das widerspricht allerdings zahlreichen Berichten von Familien, die Angehörige verloren haben. Experten erwarten sogar ein bis zwei Millionen Corona-Tote in China bis Ende 2023.

China bezieht auch nur Todesfälle auf Grund von Lungenentzündung oder Lungenversagen in seine Statistiken ein, wie der Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Pekinger Universitätskrankenhaus Nummer eins, Wang Guiqiang, vergangene Woche sagte. Diese ungewöhnlich eng gefasste Definition schliesst viele Todesfälle aus, die andere Länder in der Regel Covid-19 zuordnen. 

67 Franken für die Impfung

Li erwägt nach eigenen Angaben auf Grund der Impfkampagne, sich auch eine zweite Auffrischungsimpfung geben zu lassen. «So lange wir wissen, dass der Impfstoff keine grossen Nebenwirkungen hat, sollten wir ihn nutzen.»

Nachbarschaftsverbände sind angewiesen worden, alle im Alter von 65 Jahren und darüber ausfindig zu machen und ihren Gesundheitszustand zu verfolgen. Sie verrichten, was Staatsmedien als «ideologische Arbeit» bezeichnen – Einwohner dazu zu bringen, ältere Angehörige zum Impfen zu überreden. Im Pekinger Viertel Liulidum werden Leuten ab 60 bis zu 500 Yuan (etwa 67 Franken) versprochen, wenn sie sich die Zwei-Dosen-Grundimmunisierung und danach eine Auffrischungsimpfung holen.

Nach Angaben der Gesundheitskommission vom 23. Dezember hat sich die Zahl der täglichen Impfungen landesweit mehr als verdoppelt, liegt nunmehr bei 3,5 Millionen. Aber das ist nur ein Bruchteil der Dutzenden Millionen, die im Frühjahr 2021 pro Tag verzeichnet worden waren. 

Kein Druck während Null-Covid-Politik

Ältere Menschen fürchten die potenziellen Nebenwirkungen der in China produzierten Vakzine: Die Regierung hat keine Ergebnisse von Tests an Menschen im Alter von 60 Jahren und aufwärts bekannt gegeben. Li erzählt von einem 55-jährigen Freund, der nach seiner Impfung an Fieber und Blutgerinnseln gelitten habe. Es sei zwar nicht sicher, dass der Impfstoff das verursacht habe, aber sein Freund sei abgeneigt, sich eine zweite Spritze geben zu lassen. «Es heisst auch, dass das Virus weiter mutiert», so Li. «Wie wissen wir, dass die Impfstoffe, die wir nehmen, nützlich sind?»

Manche zögern, weil sie an Diabetes, Herzproblemen und anderen Vorerkrankungen leiden. Dabei halten Experten Impfungen für diese Menschen sogar noch für dringender, weil die Risiken durch Covid in den meisten Fällen ernster seien als die durch potenzielle Nebenwirkungen.

Bisher empfanden viele ältere Menschen auch keinen besonderen Druck, sich impfen zu lassen, denn durch die Null-Covid-Politik gab es lange einfach wenig Infizierte und Kranke. So entwickelten in China auch weniger Menschen Antikörper gegen das Virus. 

191 Millionen über 65-Jährige

«Jetzt sollten es Familien ihren älteren Angehörigen klar machen, dass eine Infektion ernste Erkrankung und sogar Tod verursachen kann», sagt Jiang Shibo von der medizinischen Fakultät der Fudan-Universität in Shanghai. 

Der Gesundheitsbehörde zufolge haben sich mehr als 90 Prozent der Menschen in China impfen lassen, aber nur zwei Drittel jener über 80. Laut der Volkszählung 2020 hat das Land 191 Millionen Einwohner, die 65 Jahre oder älter sind – eine Gruppe, die allein für sich gerechnet die Nummer acht der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt darstellen würde.

Anfragen von Journalisten, die Impfzentren besuchen wollen, werden in China routinemässig abgelehnt. Zwei Reporter, die für kurze Zeit solche Zentren betraten, wurden weggeschickt, als Angestellte herausfanden, wer sie waren. 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel.  058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.chRatgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

(DPA/chk)

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