Behandlungs-Statistik: Ärzte befürchten gläserne Patienten
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Behandlungs-StatistikÄrzte befürchten gläserne Patienten

Von der Wiege bis zur Bahre – die Krankheitsgeschichte eines jeden Einwohners soll in der Schweiz künftig vom Bundesamt für Statistik erfasst werden. Dies verstosse gegen das Gesetz, monieren die Ärzte.

Das Bundesamt für Statistik will künftig alle Patientendaten sammeln. Die Ärzte laufen gegen diese Idee Sturm.

Das Bundesamt für Statistik will künftig alle Patientendaten sammeln. Die Ärzte laufen gegen diese Idee Sturm.

Die Ärzte wehren sich gegen ein Projekt des Bundesamts für Statistik (BFS) zur ambulanten Gesundheitsversorgung. Sie werfen dem Bundesamt vor, ohne gesetzliche Grundlage Patientendaten sammeln zu wollen. Das BFS setze mit dem Vorhaben das Arztgeheimnis aufs Spiel.

Das Krankenversicherungsgesetz (KGV) lege fest, dass die Erhebung von Daten aus dem Gesundheitswesen unter strikter Wahrung der Anonymität der Patienten zu geschehen habe, teilte die Ärzteverbindung FMH am Dienstag mit. Mit seinem Projekt «Mars» ignoriere das BFS diese Bestimmungen gänzlich.

Von jedem Menschen in der Schweiz wolle das BFS systematisch alle Behandlungsdaten erheben, von der Wiege bis zur Bahre, schrieb die FMH. Weder das Parlament noch die Stimmberechtigten hätten sich je dazu äussern können. Alle Leistungserbringer sollten verpflichtet werden, sämtliche Patientenkontakte zu melden.

Besorgte Ärzte

Gemeldet werden sollen laut der FMH auch Daten zu Behandlungen, welche die Patienten vollumfänglich aus der eigenen Tasche bezahlen und die somit die Grundversicherung nicht belasten.

Besorgt sind die Ärzte, weil ihrer Einschätzung nach mit den gesammelten Daten eine Person relativ leicht identifiziert werden könnte, auch wenn die Daten anonymisiert würden. Und auch die Methode, mit denen das BFS die Daten anonymisieren will, ziehen die Ärzte in Zweifel.

Zudem geben sie zu bedenken, dass die Datensammlung für die Leistungserbringer und auch für die betroffenen Stellen bei Bund und Kantonen viel administrativen Aufwand bringen werde. Bezahlen müssten die Steuerzahler und die Versicherten. Laut der FMH erwartet das BFS 1,5 Millionen Datensätze pro Jahr.

Die Ziele und Fragestellungen des BFS-Projekts sind in den Augen der FMH «viel zu allgemein formuliert». Das Bundesamt wolle «auf gut Glück Daten sammeln, ohne deren Nutzen nachzuweisen.» Nach Auffassung der Ärzteschaft verstösst das Projekt «Mars» gegen die Bestimmungen im KVG.

Bedenken bekannt

Für das BFS sind die Bedenken der Ärzteschaft nichts Neues. Die FMH habe diese bereits in der Begleitgruppe geäussert, in welcher der Ärzteverbindung vertreten sei, sagte Marco D'Angelo vom BFS auf Anfrage der SDA.

Bislang sei erst das Grobkonzept diskutiert worden, teilte das BFS in einer schriftlichen Stellungnahme mit. «Fragen wie die detaillierten Verwendungszwecke sowie rechtliche Fragestellungen werden in einer zweiten Phase erörtert.»

Datenschutz und Datensicherheit gehörten aber auch für das BFS zu den «wichtigsten Anliegen». Die Weitergabe könne nur in anonymisierter Form erfolgen und müsse den Anforderungen des Datenschutzes entsprechen.

Änderungsbedarf unbestritten

Alle am Projekt beteiligten Partner seien sich allerdings darin einig, dass die bestehenden Statistiken zur ambulanten Gesundheitsversorgung Lücken aufwiesen, sagte D'Angelo. Das BFS hatte im Jahr 2008 vom Bundesrat den Auftrag gefasst, die Daten zu komplettieren. Ein erster Pilotversuch zur Datenerhebung in den Spitälern wird laut BFS 2013 lanciert.

Die FMH stellt sich denn auch nicht grundsätzlich gegen die Erhebungen: Ohne Daten lasse sich das Schweizer Gesundheitswesen nicht vorausschauend und nachhaltig gestalten, teilte der Verband mit. Doch müssten das Arztgeheimnis gewahrt und die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden. (sda)

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