Ärzte empfehlen Jungen kaum Generika – jetzt soll ein US-System helfen

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KostenexplosionÄrzte empfehlen Jungen kaum Generika – jetzt soll US-System helfen

Viele Patientinnen und Patienten bekamen laut einer Umfrage noch nie den Rat zum günstigeren Generikum. Jetzt verlangt Groupe Mutuel ein Umdenken.

von
Fabian Pöschl
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Ärztinnen und Ärzte sollen nur noch für den Nutzen der Gesundheitsversorgung Geld bekommen, nicht mehr für die Anzahl Leistungen.

Ärztinnen und Ärzte sollen nur noch für den Nutzen der Gesundheitsversorgung Geld bekommen, nicht mehr für die Anzahl Leistungen.

imago images / Westend61
Das fordert die Krankenkasse Groupe Mutuel.

Das fordert die Krankenkasse Groupe Mutuel.

20min/Matthias Spicher
Damit will sie die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in den Griff kriegen.

Damit will sie die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in den Griff kriegen.

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Darum gehts

  • Die Gesundheitskosten steigen stark.

  • Ärzte verschreiben laut einer Umfrage fast nie günstige Generika.

  • Groupe Mutuel fordert jetzt ein System, bei dem fürs Resultat und nicht für die Anzahl Eingriffe bezahlt wird.

Das Schweizer Gesundheitssystem kostet 90 Milliarden Franken pro Jahr und jedes Jahr werden es einige Milliarden mehr. Die Kosten seien nicht unter Kontrolle, sagte Thomas Boyer, CEO von Groupe Mutuel, an einem Medienanlass am Mittwoch. «Wir müssen rasch handeln, sonst können wir es nicht mehr finanzieren.»

Die grössten Kostenblöcke in der Grundversicherung machen Arztbesuche sowie stationäre und ambulante Spitalbehandlungen aus. Diese handeln laut einer Umfrage der Krankenkasse mit über 1000 Teilnehmenden über die Köpfe der Patientinnen und Patienten hinweg. So findet fast die Hälfte der Umfrageteilnehmenden, dass sie schon mal unnötig behandelt wurde. 

Fast zwei Drittel wurden noch nie zu ihrer Zufriedenheit nach einer Behandlung befragt. Zudem hat ein Drittel der Befragten noch nie proaktiv ein Generikum verschrieben bekommen, obwohl diese bis zu 70 Prozent günstiger sind als Originalmedikamente. Bei den 15- bis 29-jährigen ist es gar über die Hälfte (53 Prozent).

«Pharma-Lobbyisten sind die Besten»

Cedric Scheiben, Leiter Vertrieb der Krankenkasse, zeigt sich erstaunt über das Ergebnis. «Junge setzen sich wohl weniger mit dem Thema Generika auseinander», sagt er zu 20 Minuten. Generalsekretär Thomas Grichting verweist auf mögliche Anreize der Pharmafirmen für Ärzte und Spitäler. Ob die Ärzte Provisionen für die Medikamente erhalten, wisse er nicht, aber es gebe wohl keine besseren Lobbyisten als die Pharma-Branche.

Auch Gesundheitsökonom Heinz Locher zeigt sich überrascht vom hohen Anteil der vor allem jungen Leute, denen noch nie Generika empfohlen wurde. Er bezweifelt das Ergebnis. Vor allem junge Leute hätten oft ein Hausarztmodell in der Krankenkasse. Bei diesem seien auch die Ärzte an günstigen Leistungen interessiert.

Ausserdem gelte es zu beachten, dass Generika zwar ein erhebliches Einsparpotenzial brächten, dafür sei die Versorgung möglicherweise nicht sichergestellt. «Die Sicherheit der Lieferbarkeit ist bei Medikamenten entscheidender als der Preis», sagt Locher zu 20 Minuten.

Groupe Mutuel will ein Modell wie in Schweden oder in Amerika

Groupe-Mutuel-CEO Thomas Boyer fordert nun ein neues Bezahlmodell im Gesundheitswesen. Ein guter Ansatz sei wie in Schweden oder den USA, für den Nutzen der Gesundheitsversorgung zu zahlen und nicht wie heute für die Menge der erbrachten Leistung. Denn jetzt werde für jeden Eingriff bezahlt, ohne dass es eine Qualitätskontrolle gebe. So sollen Doppelspurigkeiten und unnötige Behandlungen vermieden werden.

Hat dir dein Arzt oder deine Ärztin schon mal Generika empfohlen?

Die Behandlungsqualität soll den Preis bestimmen. Wenn die Ziele nicht erreicht werden, sollen die behandelnden Ärzte oder Spitäler nicht mehr den vollen Preis bekommen. 41 Prozent der Umfrageteilnehmenden wären damit einverstanden. Zudem wünschen sich mehr als die Hälfte eine Bewertungsplattform für Ärzte und Spitäler.

Groupe Mutuel testet das System derzeit in Zusammenarbeit mit verschiedenen Spitälern. Für Resultate sei es bei den Pilotprojekten noch zu früh.

6,6 Prozent höhere Prämien

Erneut steigen die Krankenkassenprämien für 2023 im Vergleich zum Vorjahr deutlich. Die mittlere Prämie soll 334,70 Franken betragen, was einem Anstieg um 6,6 Prozent im Vergleich zu 2022 entspricht. Der starke Anstieg der mittleren Prämie im Jahr 2023 ist laut EDI vor allem auf die Covid-19-Pandemie, die das Gesundheitssystem stark beansprucht hat, und auf einen Nachholeffekt zurückzuführen.

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