Zürich: «Ärzte haben noch nie so viele Tumorerkrankungen beobachtet»

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Zürich«Ärzte haben noch nie so viele Tumorerkrankungen beobachtet»

Wegen der Corona-Pandemie verschleppten viele Patientinnen und Patienten ihre Check-Ups. Ernsthafte Krankheiten wie Krebs werden daher zu spät entdeckt, warnen Ärzte.

von
Erika Unternährer
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Fachkräftemangel und Corona-Wellen: Die Zürcher Notfallstationen sind ständig ausgelastet. (Symbolfoto)

Fachkräftemangel und Corona-Wellen: Die Zürcher Notfallstationen sind ständig ausgelastet. (Symbolfoto)

imago images/Shotshop
Neben dem Ärztepersonal in den Spitälern ist auch das Angebot im ambulanten Bereich knapp. Hausarztpraxen laufen am Limit und müssen vermehrt neue Patientinnen und Patienten abweisen. 

Neben dem Ärztepersonal in den Spitälern ist auch das Angebot im ambulanten Bereich knapp. Hausarztpraxen laufen am Limit und müssen vermehrt neue Patientinnen und Patienten abweisen. 

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Mario Fasshauer ist der Geschäftsleiter der Patientenstelle Zürich. Er erklärt, welche Auswirkungen der Fachkräftemangel und die Pandemie auf die Patientinnen und Patienten haben. 

Mario Fasshauer ist der Geschäftsleiter der Patientenstelle Zürich. Er erklärt, welche Auswirkungen der Fachkräftemangel und die Pandemie auf die Patientinnen und Patienten haben. 

zvg Mario Fasshauer

Darum gehts

Angespannte Situation auf den Zürcher Notfallstationen: «Seit dem Sommer hat die Anzahl Patientinnen und Patienten in den Notfallstationen der Zürcher Spitäler deutlich zugenommen», sagt Ronald Alder, stellvertretender Geschäftsleiter des Verbands Zürcher Krankenhäuser (VZK). «Dies in Kombination mit der knappen Personalsituation auf ärztlicher und pflegerischer Seite ist für die Spitäler eine grosse Herausforderung.» 

Zusammen mit dem Kanton forderten die Spitäler die Bevölkerung deshalb dazu auf, sich in nicht lebensbedrohlichen Situationen zuerst an die Hausärztin oder den Hausarzt zu wenden. Doch auch bei den Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern herrscht Terminknappheit, denn: «Es gibt eindeutig zu wenig Hausärztinnen und -ärzte», sagt Reto Wiesli, Geschäftsleiter des Schweizer Hausärzteverbandes.

Keine Kapazität für neue Patientinnen und Patienten in Hausarztpraxen

Das kann Mario Fasshauer, Geschäftsleiter der Patientenstelle Zürich, bestätigen: «Erneut hat sich bei uns eine Person gemeldet, deren Hausarzt in Pension geht. Die Patientin habe bei mehreren Hausärztinnen und -ärzten angerufen, doch aus Kapazitätsgründen konnte keine Praxis die Frau bisher aufnehmen.» Das sei ein sinnbildliches Beispiel, welches die Patientenstelle im Raum Zürich häufiger erleben müsse.

Corona hätte die Situation für die Patientinnen und Patienten zusätzlich verschlimmert: «Bei jeder Welle wurden Untersuchungen, die nicht dringlich waren, wieder hinten angestellt.» So seien viele Vorsorgeuntersuchungen, insbesondere für die Krebsfrüherkennung, hinausgeschoben worden. Dies hatte verheerende Folgen: «Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Ärztinnen und Ärzte noch nie so viele Tumorerkrankungen im fortgeschrittenen Stadium beobachtet», so Fasshauer.

Auf die Vorsorgeuntersuchungen hingewiesen wird man in der Regel bei der Hausärztin oder beim Hausarzt. Doch wer in keiner Hausarztpraxis mehr Platz findet und nur noch in Notfallpraxen oder -stationen behandelt wird, wird akut und nicht vorsorgend beraten. Die Patientinnen und Patienten erfahren nicht, in welchem Alter welche Massnahme – etwa zur Krebsfrüherkennung – durchgeführt werden sollte.

Vertrauensverlust aus Zeitmangel

Fasshauer sieht das Problem im System: «In der Wirtschaftlichkeit des Schweizer Gesundheitssystems ist die Beratungszeit, in der die Patientinnen und Patienten unter anderem auch Fragen stellen können, nur sehr kurz bemessen.» Dies verunsichere die Patientinnen und Patienten und könne langfristig zu negativen Folgen führen.

Fasshauer bedauert diese Entwicklung, welche sich in den Jahren immer mehr zugespitzt habe: «Die Menschen verlieren das Vertrauen in ein Gesundheitssystem, das sich zwar durch gut ausgebildete Fachkräfte ausweist, die aber wiederum keine Zeit für ihre Patientinnen und Patienten haben.»

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