Aktualisiert 03.11.2014 12:30

Lukratives GeschäftÄrzte raten auch gesunden Frauen zum Kaiserschnitt

Immer häufiger raten Gynäkologen schwangeren Frauen von einer natürlichen Geburt ab. In vielen Fällen sei dies unnötig, warnen Hebammen.

von
N. Glaus
«Unnötigerweise wird vielen Frauen von Gynäkologen ein Kaiserschnitt empfohlen oder eine natürliche Geburt gar ausgeschlossen», sagt die Hebamme Regina Grimm der Hebammengemeinschaft Winterthur.

«Unnötigerweise wird vielen Frauen von Gynäkologen ein Kaiserschnitt empfohlen oder eine natürliche Geburt gar ausgeschlossen», sagt die Hebamme Regina Grimm der Hebammengemeinschaft Winterthur.

Lea W.* erwartet ihr erstes Kind. Es ist ein absolutes Wunschkind. Die 35-jährige Lehrerin aus Z. hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten gut über das bevorstehende Abenteuer der Mutterschaft informiert. In der 35. Schwangerschaftswoche lädt ihr Frauenarzt sie zu einem Geburtsgespräch ein. Lea möchte ihr Kind spontan gebären. Umso erstaunter ist sie, als der Gynäkologe ihr davon abrät und einen Kaiserschnitt vorschlägt – «aus Sicherheitsgründen», sagt er.

Lea W. ist kein Einzelfall. «Unnötigerweise wird vielen Frauen von Gynäkologen ein Kaiserschnitt empfohlen oder eine natürliche Geburt gar ausgeschlossen», sagt die Hebamme Regina Grimm der Hebammengemeinschaft Winterthur. Frauen ab 35 würden von Gynäkologen häufig schon als Risikopatienten gesehen. Statt Unsicherheiten zu schaffen, sollten laut Grimm Frauen vielmehr in ihren Ängsten begleitet werden. Zudem sollte den Ursachen dieser Ängste auf den Grund gegangen werden. «Eine gesunde Frau sei aufgrund ihres Körpers fähig, ihr Kind aus eigener Kraft natürlich zu gebären.» Es sei enorm wichtig, dass Frauen im Geburtsprozess eine enge Betreuung und dadurch die notwendige Sicherheit zur Geburt erhalten.

«Ein Kaiserschnitt hat Risiken, die eine spontane Geburt nicht hat»

Gemäss Grimm ist der Kaiserschnitt zudem das finanziell lukrativere Geschäft, gehe aber auf Kosten der betroffenen Familien. Dass an einem Kaiserschnitt mehr verdient wird, bestätigen Gynäkologen hinter vorgehaltener Hand, und auch der Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes, Barbara Stocker ist dies bekannt. Ob deshalb Gynäkologen häufiger Kaiserschnitte empfehlen, sei nicht belegbar.

Stocker stellt immer wieder fest, dass viele Menschen in der Schweiz meinen, dass ein Kaiserschnitt für die Mutter und das Kind die sicherste Geburtsart sei. Warum sich diese Meinung verbreitet hat, kann sich Stocker nicht erklären. Von Seiten der Hebammen, Kinderärzte und der Anästhesie ist die Botschaft jedoch eine andere: «Ein Kaiserschnitt ist eine Operation und hat Risiken für Mutter und Kind, die eine spontane Geburt nicht hat. Eine klare Aufklärung ist wichtig.»

«Schwangere Frauen drohen mit Klagen»

Den Vorwürfen, unnötigerweise Kaiserschnitte zu empfehlen, widersprechen Gynäkologen: «Wir raten niemandem grundsätzlich von einer natürlichen Geburt ab», sagt der Gynäkologe Pierre Villars. Jede Frau müsse für sich selber entscheiden, wie sie ihr Kind zur Welt bringen will. Frauen würden aber beim Gebären immer älter. «Es ist keine Seltenheit mehr, dass auch Frauen über vierzig nach langjährigen Fruchtbarkeitsbehandlungen noch schwanger werden.» Für solche Frauen berge eine spontane Geburt tatsächlich mehr Gefahren.

«Viele schwangere Frauen möchten auf der einen Seite möglichst null Risiko für das Kind», sagt der Chefarzt der Geburtshilfe am Kantonsspital Baden, Leonhard Schäffer. Auf der anderen Seite nehme die Bereitschaft der Eltern, gegen Gynäkologen zu klagen, zu. «Somit wird in grenzwertigen Situationen, also im Zweifelsfall, heutzutage leichter zu einem Kaiserschnitt tendiert als vielleicht noch vor einigen Jahren.» Es sei jedoch zu berücksichtigen, dass auch der Kaiserschnitt nicht risikolos sei – auch nicht für das Kind.

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