Forderung von Gynäkologin: Ärzte sollen häusliche Gewalt ansprechen
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Forderung von GynäkologinÄrzte sollen häusliche Gewalt ansprechen

Häusliche Gewalt betrifft auch die Medizin, sagt die Gynäkologin Sibil Tschudin. Ärzte sollen ihre Patientinnen bereits beim Aufnahmegespräch darauf ansprechen.

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Ein Screening beim Arzt soll Frauen helfen, über häusliche Gewalt zu sprechen.

Ein Screening beim Arzt soll Frauen helfen, über häusliche Gewalt zu sprechen.

Jede vierte Frau ist im Laufe ihres Lebens und jede zehnte Frau im aktuellen Jahr von häuslicher Gewalt betroffen. Ärzte, die Frauen jedes Alters betreuen, können davon ausgehen, dass zehn Prozent ihrer Patientinnen Erfahrungen mit häuslicher Gewalt haben. Heutzutage suchen die Opfer öfter medizinische Hilfe und erstatten häufiger Anzeige als früher. Aber viele Frauen scheuen diesen Schritt noch immer.

Denn: Die Hoffnung, dass sich der Partner vielleicht doch noch bessert oder die Angst vor der Reaktion des Partners halten viele Frauen davon ab, sich bei der Polizei oder einer Anlaufstelle zu melden. Sibil Tschudin, Leitende Ärztin an der Frauenklinik des Unispitals Basel, appelliert deshalb in der aktuellen Ausgabe der «Schweizerischen Ärztezeitung» an ihre Kollegen, das Thema häusliche Gewalt ernst zu nehmen.

«Rauchen Sie, trinken Sie, sind Sie Opfer häuslicher Gewalt?»

«Wäre es nicht sinnvoll, dass Ärzte im Anamnesegespräch routinemässig danach fragen würden?», schreibt Tschudin. Der Arzt würde die Patientin also im Gespräch über ihre Krankheitsgeschichte nebst der Frage nach Rauchen oder Alkoholkonsum auch auf häusliche Gewalt ansprechen. Das Ziel eines solchen Screenings sei es, den Frauen zu vermitteln, dass ihr Arzt auch diesem Thema gegenüber offen ist, um ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen.

«Dies setzt aber voraus, dass das Personal geschult ist und weiss, wie eine Frau unterstützt und wo sie hingewiesen werden kann, wenn sie die Frage nach häuslicher Gewalt mit Ja beantwortet», sagt Tschudin auf Anfrage. Ausserdem müsse man sorgfältig, im richtigen Tonfall und mit einer Erklärung an die Sache herangehen. Die Frau dürfe sich nicht vor den Kopf gestossen fühlen. «Es ist hilfreich, wenn der Arzt beispielsweise sagt, dass es sich dabei um eine Routinefrage handelt.»

«Screening sollte in allen Spitälern eingeführt werden»

Die Frauenklinik am Triemlispital in Zürich ist bislang die einzige Institution in der Schweiz, die dieses Screening durchführt. Annelis Eichenberger, Sozialarbeiterin im Frauenhaus Luzern, bedauert dies. Ein Screening sollte ihrer Meinung nach in allen Spitälern eingeführt werden.

«Wir hatten gerade kürzlich einen Fall, bei dem eine Frau zu uns gekommen ist, nachdem ihr Mann ihr den Oberarm gebrochen hatte.» Den Ärzten im Notfall habe sie erzählt, sie sei die Kellertreppe hinuntergefallen. «Sie haben nicht nachgefragt, erst in der Physiotherapie, als sie den genauen Unfallhergang erklären musste, flog die Sache auf», so Eichenberger.

«Die Frage darf nicht nach Routine klingen»

Auch Mirjam Della Betta, Psychologin bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich, sagt ein solches Screening sollte gefördert werden. «Es hilft, das Thema häusliche Gewalt zu enttabuisieren, damit es nicht mehr herumschwirrt wie ein Phantom.» Nach wie vor werde nur hinter vorgehaltener Hand über Frauen gesprochen, die von ihren Männern zu Hause misshandelt werden.

Miriam Reber, Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz gegen häusliche Gewalt, ist ebenfalls der Meinung, dass man mehr auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam machen sollte. «Weiterbildungen auf diesem Gebiet für Ärzte halte ich für sehr sinnvoll.» Ein Screening funktioniere nur dann, wenn das Personal vorbereitet und geschult sei. «Ausserdem muss die Frage ernsthaft und sorgfältig gestellt werden. Wenn sie nach Routine klingt, so wie man fragt, ob jemand rauche, dann nützt es nichts.»

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