Aktualisiert 29.06.2016 10:20

Thrombose-RisikoÄrzte verschreiben meist umstrittene Antibabypillen

Trotz des Falls Céline: Unter den meistverkauften Antibabypillen in der Schweiz weist die Mehrzahl ein erhöhtes Thrombose-Risiko auf. Ein Pharmakologe kritisiert das scharf.

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Im Jahr 2008, kurz nachdem sie begonnen hatte, die Anti-Baby-Pille Yasmin zu nehmen, bekam die damals 16-jährige Schaffhauserin Céline Pfleger eine Lungenembolie. Seither ist sie schwer behindert, kann nicht mehr gehen, sprechen oder selbständig essen.

Im Jahr 2008, kurz nachdem sie begonnen hatte, die Anti-Baby-Pille Yasmin zu nehmen, bekam die damals 16-jährige Schaffhauserin Céline Pfleger eine Lungenembolie. Seither ist sie schwer behindert, kann nicht mehr gehen, sprechen oder selbständig essen.

Hier wurde Céline Pfleger nach ihrem Zusammenbruch behandelt. Die Schaffhauser Ärzte hielten in einem Bericht fest, dass Yasmin der einzige Risikofaktor war, der zu Célines Lungenembolie führen konnte.

Hier wurde Céline Pfleger nach ihrem Zusammenbruch behandelt. Die Schaffhauser Ärzte hielten in einem Bericht fest, dass Yasmin der einzige Risikofaktor war, der zu Célines Lungenembolie führen konnte.

Bild: Homepage Spitäler Schaffhausen
Seither steht das Verhütungsmittel in Kritik. Der Krankenversicherer CSS musste jedoch vor Gericht eine Niederlage einstecken. Das Bundesgericht befand, dass Hersteller Bayer im Fall Céline nicht haftet.

Seither steht das Verhütungsmittel in Kritik. Der Krankenversicherer CSS musste jedoch vor Gericht eine Niederlage einstecken. Das Bundesgericht befand, dass Hersteller Bayer im Fall Céline nicht haftet.

Keystone/Sigi Tischler

Im letzten Herbst starb eine 27-Jährige an den Folgen einer Thromboembolie. Die Frau hatte sechs Monate lang die Antibabypille Yasminelle geschluckt. Wie die SRF-«Rundschau» berichtet, legt der Obduktionsbericht nahe, dass die Antibabypille Grund dafür war.

Die umstrittenen Pillen der neueren Generation sorgen nicht das erste Mal für Schlagzeilen. 2009 erschütterte der Fall Céline die Schweiz: Die damals 16-Jährige erlitt nach der Einnahme von Yasmin eine Lungenembolie und ist seither schwerstbehindert.

Moderne Pillen weiterhin hoch im Kurs

Trotzdem verschreiben Ärzte in der Schweiz weiterhin mehrheitlich modernere Pillen, welche ein tendenziell erhöhtes Thrombose-Risiko aufweisen. Das zeigt die Liste der zehn Pillen und Hormonpflaster, die 2015 in der Schweiz am meisten verkauft wurden (siehe Box).

Stephan Krähenbühl, Präsident der Swissmedic-Experten- Kommission für Medikamentenzulassung sowie Pharmakologe am Unispital Basel, ist besorgt: «Yasmin ist nicht mehr drauf, aber von den zehn Pillen haben sieben entweder ein gleich hohes Risiko wie Yasmin oder wir kennen das Risiko nicht. Das ist für mich bedenklich.» Bei sieben von zehn Pillen, die am häufigsten verschrieben werden, könnte man seiner Meinung nach ebenso Yasmin verschreiben.

David Ehm, Präsident der SGGG (Schweizer Frauenärzte), relativiert in der Sendung: «Das sind alles gut getestete Produkte. Die sind zugelassen, die meisten auf der ganzen Welt. Man muss einfach wissen, es hat alles seine Vor- und Nachteile.» Der Vorteil von schönerer Haut sei den Frauen oft sehr wichtig, sagt der Frauenarzt. Zudem würden Frauen von ihren Ärztinnen und Ärzten heute gut über die Risiken informiert.

Kritik an Datenlage bei neueren Pillen

Laut der «Rundschau» sind auch zwei Pillen unter den Top 10, bei denen die Studienlage zum Thrombose-Risiko im Vergleich zu Zweit-Generations-Pillen schlecht sei. Hier stehe explizit in der Packungsbeilage: «Bisher ist nicht bekannt, wie hoch das Risiko für ein Blutgerinnsel ist.» Auch das bezeichnet Stephan Krähenbühl als «bedenklich»: «Ich kann ja nicht mit fehlenden Daten eine Frau über die Risiken informieren.»

Auch Susan Tabbach, Mitgründerin der deutschen Gruppe «Initiative für Thrombose-Geschädigte», ist besorgt. Sie sammelt Berichte von Frauen, die nach Pillen-Einnahme Thrombosen erlitten haben. Derzeit hätten sie besonders viele Meldungen zu Pillen, bei welchen die Datenlage zum Thema Thrombose dünn sei.

Die Arzneimittelbehörde Swissmedic sagt zu SRF, für die Zulassung dieser beiden Pillen seien genügend Daten vorhanden gewesen, um Nutzen und Risiko abschätzen zu können: «Um genaue Zahlen im Verhältnis zu Zweit-Generations-Präparaten zu erheben, braucht es Anwendungen an mehreren 10'000 Frauen – und das kann man erst nach der Zulassung machen.» Auf das positive «Nutzen-Risiko-Profil» verweist Jenapharma, die Herstellerfirma von Qlaira.

Der Beitrag wird am Mittwoch um 20.55 Uhr in der Sendung «Rundschau» auf SRF 1 ausgestrahlt. (20 Minuten)

Meistverkaufte Pillen und Hormonpflaster 2015

Kolonne rechts: Geschätzte Venen-Thrombose-Inzidenz pro 10'000 Frauen während einem Anwendungsjahr.

Belara ungenügend Daten

Cerazette -

Desoren 9-12

Elyfem 5-7

Evra 6-12

Gyselle 9-12

Mercilon 9-12

Ologyn 5-7

Qlaira ungenügend Daten

Yira 9-12

Quelle: SRF (Interpharma, Swissmedic)

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