Hyaluron-Spritzen: Ärzte wollen Lippen-Pfuscher stoppen

Aktualisiert

Hyaluron-SpritzenÄrzte wollen Lippen-Pfuscher stoppen

In Beautysalons verunstalten Amateure vermehrt jungen Kundinnen die Lippen. Künftig sollen solche Praktiken strikt verboten werden.

von
B. Zanni
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«Wir stellen bei 17- bis 25-jährigen Patientinnen extrem viele Komplikationen aufgrund von Pfuscharbeiten fest», sagt Mark Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Aesthetische Chirurgie (SGAC). Bei dieser 25-jährigen Patientin hatte sich ein Lippenabszess gebildet.

«Wir stellen bei 17- bis 25-jährigen Patientinnen extrem viele Komplikationen aufgrund von Pfuscharbeiten fest», sagt Mark Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Aesthetische Chirurgie (SGAC). Bei dieser 25-jährigen Patientin hatte sich ein Lippenabszess gebildet.

Mark Nussberger
Eine Kosmetikerin hatte bei der Patientin ...

Eine Kosmetikerin hatte bei der Patientin ...

Mark Nussberger
... unsteril gespritzt.

... unsteril gespritzt.

Mark Nussberger

Behandlungen mit Hyaluronsäure für vollere Lippen boomen bei jungen Frauen seit einiger Zeit. «Lippenaufspritzungen sind heute so beliebt wie Tattoos – junge Frauen wollen mit vollen Lippen auf Instagram gut aussehen», sagt Mark Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Aesthetische Chirurgie (SGAC). Harmlos ist der Trend nicht. Erst kürzlich sorgte eine Kundin mit deformierten Lippen für Schlagzeilen, nachdem sie sich in einem Kosmetikstudio in Montreux hatte behandeln lassen.

«Wir stellen bei 17- bis 25-jährigen Patientinnen extrem viele Komplikationen aufgrund von Pfuscharbeiten fest», sagt Nussberger. Ästhetische Chirurgen in der Schweiz behandelten zunehmend Patientinnen mit entstellten Gesichtern. Nussberger: «Sie haben deformierte Lippen, Abszesse oder erlitten Arterienverschlüsse.» Treffe ein solcher Verschluss die Netzhautarterie, drohe im schlimmsten Fall Blindheit.

Grauzone werde gnadenlos ausgenutzt

Schuld daran sind laut Nussberger in erster Linie Kosmetikstudios. «Es wimmelt von Kosmetikstudios, darunter sind auch Coiffeure, in denen sich junge Frauen zu Spottpreisen mit Hyaluronsäure die Lippen aufspritzen lassen können», sagt Nussberger.

Um den Pfuschern das Handwerk zu legen, fordert die SGAC ein rigoroses Spritzverbot für Kosmetikerinnen. Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic untersagt Kosmetikerinnen und Kosmetikern injizierbare Medizinprodukte wie zum Beispiel Hyaluronsäure berufsmässig anzuwenden. Eine Ausnahme besteht jedoch für Produkte, deren vollständige Resorptionszeit nachweisbar weniger als 30 Tage beträgt. «Kosmetikstudios nutzen diese Grauzone gnadenlos aus und scheren sich nicht um die 30 Tage», sagt Nussberger. Zudem gebe es gar keine Hyaluronsäure, die nur höchstens 30 Tage im Körper bleibe.

«Die Kantonsärzte dürfen nicht mehr länger die Augen davor verschliessen. Das Verbot muss geahndet werden», sagt Nussberger. Um politischen Druck aufzubauen, sammelt die SGAC zudem schweizweit Fälle, in denen es aufgrund von unprofessionellen Hyaluronsäure-Injektionen zu Komplikationen gekommen ist.

Prämienzahler tragen Folgekosten

Politische Unterstützung erhalten die Ärzte von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. In der aktuellen Session reicht sie einen Vorstoss ein, der den Bundesrat beauftragt, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, damit ausschliesslich Ärzte Hyaluronsäure und Botox spritzen dürfen. Diese sollen entsprechend ausgebildet sein und über eine Haftpflichtversicherung verfügen.

«Die Eingriffe müssen qualitativ gut gemacht sein. Es darf nicht sein, dass sich Kosmetikstudios mit Pfusch ein gutes Geschäft sichern und die Folgekosten zu Lasten der Allgemeinheit gehen», sagt Humbel. Wenn etwas schief gehe, müssten die Folgekosten nämlich von den Krankenversicherungen, also den den Prämienzahlern, finanziert werden.

Mittel werde im Internet gekauft

Die Kosmetikerinnen greifen laut Nussberger ohne jegliche Anatomiekenntnisse zur Spritze. «Dabei muss man über die Nerven und Gefässe Bescheid wissen, um mit gutem Gewissen Hyaluronsäure zu spritzen.» Auch das Produkt ist den Ärzten ein Dorn im Auge. Da die Hyaluronsäure nicht als Medikament, sondern als Implantat gilt, ist es frei beziehbar.

Gerne werde die Hyaluronsäure im Internet, teilweise aus China, eingekauft, so Nussberger. Auch gebe es im Ausland Apotheken, die Hyaluron als Oster- oder Weihnachtsrabatte anpreisen würden. Komplikationen seien auch schon die Folge von unsauberem Stoff gewesen. «Ästhetische Chirurgen stellen vermehrt auch Hyaluronsäuren fest, die mit anderen Substanzen, etwa auch mit Wasser, gestreckt werden.»

Die Kantonsärzte waren am Montag nicht erreichbar. Der Schweizer Fachverband für Kosmetik SFK wollte keine Stellung nehmen. Ein angefragtes Kosmetikstudio hält fest, dass bei ihnen nur unter ärztlicher Aufsicht gespritzt werde. Man erfülle die Auflagen des städtischen Gesundheitsdepartements.

Darum lassen sich junge Frauen die Lippen machen

Elena Luise Tanner (im Bild) lässt sich seit 2018 einmal pro Jahr die Oberlippe aufspritzen. «Meine Freundinnen begannen damit. Irgendwann hatte ich dann auch den Mut dazu», sagt die 22-Jährige. Es sei ihr vor allem ums Optimieren gegangen. «Mich störte, dass meine natürlichen Lippen unten dicker sind als oben.» Auch die Detailhandelsangestellte Vanessa Grob (siehe Bildstrecke) geht für vollere Lippen einmal pro Jahr ins Beautystudio. Meist trage sie einen Lippenstift mit einem Braun- oder Pinkton. «Sind die Lippen dicker, kann man mit dem Lipliner besser arbeiten. Auch stärken vollere Lippen mein Selbstvertrauen», sagt die 19-Jährige.

Auch Pflegefachfrau A. J.* setzt auf Hyaluron – wie viele Influencer auf Instagram. «Ich mag Volumen. Es wirkt frischer.» Ihr Partner habe die aufgespritzten Lippen schön, aber nicht nötig gefunden. Sparen müsse sie für die Hyaluronspritzen nicht. «Ich habe keine Haustiere, kein Auto und arbeite viel. Diesen kleinen Luxus kann ich mir leisten», so die 29-Jährige.

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